Immer weniger Gewalt in der Welt ...

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Re: Immer weniger Gewalt in der Welt ...

Beitragvon Calmo » Do 16. Mai 2019, 11:11

Lampe hat geschrieben:@Calmo: Wenn Du Dich schon nur auf den "homegrown terrorism" beziehst, dann darfst Du auch nicht die anderen beiden Formen des (gewalttätigen) Extremismus neben dem Islamismus verschweigen, die da sind: Rechtsextremismus, Linksextremismus.

Sonst könnte man nämlich den Eindruck kriegen, dass da jemand speziell eine gewisse Volksgruppe, pauschal alle muslimischen Ausländer, an den Pranger stellen will. Es ist ja grade Wahlkampf ...


Ich denke nicht, dass ich irgendetwas muss, weil du mich hier in eine Rechtfertigunglage bringst und nicht von irgendwelchen Dritten, die du als "man" bezeichnest, abhängig bin. Wer soll "man" überhaupt sein? Muss ich mich aus irrationalen Ängsten hier jetzt rechtfertigen, kein Rechter zu sein? Weil andere über mich denken könnten, dass....
Ja, was denn überhaupt? Und was ist das eigentlich für eine Art, jemanden so ad hominem in einer Diskussion anzugehen?

Ebenso könntest du Moondream fragen, was er/sie die ganze zeit mit "den Medien", die uns angeblich mit Ängsten stark manipulieren, meint. Da fragst du aber nicht genauer nach - so als wäre es klar. Gehört ihr zusammen, dass du hier nicht nachbohrst?

Da du Moondream nicht fragst, frage ich selbst.

Moondream, was meinst du gemau mit "den Medien" die andere/Dritte und "uns" angeblich mit ihren eigenen irrationalen Ängsten stärker manipulieren als dich?
Jeder, der beruflich auch nur am Rande etwas mit Medien am Hut hat, lernt als erstes etwas über die üblichen Vorurteile und Verschwörungstheorien, zu welchen der Mensch neigt. Jeder glaubt nämlich, er sei besser und seriöser indformiert als Dritte, die nur BILD-Zeitung lese und Privatfernsehen schauen und populistisch denken. Das alles geht auf das Thomas-Theorem zurück. Man spricht anderen also Intellekt und Moral ab, obwohl Intelligenz noch immer mit einer Standardabweichung vom 15 normalverteilt ist und zu Manipulation immer noch zwei Parteien gehören. Andere sind nicht grundlegend dümmer, leichter durch angeblich irrationale Ängste manipulierbar oder schlechter informiert als ihr, Lampe und Moondream. Auch wenn Lampe dies mit seinen Einlassungen an meine Person, also ad hominem, scheinbar Glauben machen möchte, indem er/sie mich in eine Rechtfertigungsposition bringt. Dabei ist genau Lampes Duktus Manipulation, da jemand rhetorisch zur Rechtfertigung aufgefordert wird, in diesem Thread ich als Person. Da ich diese Doppelmoral in Diskussionen nicht mag, schreibe ich hier nichts mehr. (Vielleicht ist es sogar typisch hs, zu glauben, andere hätten weniger Durchblick als man selbst. Diese - vielleicht sogar überhebliche? - Haltung mir hier in vielen Diskussionen - auch hier!- nämlich schon oft begegnet, ist aber eine andere Baustelle. icon_winkle )
"Genereller sozialwissenschaftlicher Hintergrund des TPE ist das ,Thomas-Theorem‘, welches besagt, dass (korrekte oder falsche) Annahmen über soziale Tatsachen reale Konsequenzen haben (Thomas/Thomas: 1928: 572). Es ist also nicht (nur) entscheidend, welchen Einfluss mediale Inhalte tatsächlich auf Menschen ausüben, sondern vielmehr, welcher Einfluss medialen Inhalten unterstellt wird."

http://journalistikon.de/third-person-effekt/

Lampe hat geschrieben:Was genau meinst Du mit "den Kriminalitätsbeiträgen aus den Mediatheken"?


Mediatheken: Ard, ZDF. Beiträge aus "Aktenzeichen XY" und beispielsweise mit J. Rakers.

Viel Spaß beim Diskutieren!
"Erziehung ist eine Zumutung, Bildung ein Angebot."

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Re: Immer weniger Gewalt in der Welt ...

Beitragvon Moondream » Do 16. Mai 2019, 13:49

Hallo Calmo,

zunächst erst einmal find eich es gut, das du Dinge hinterfragst. Das ist nämlich meiner Erfahrung nach nicht selbstverständlich.

also.
Calmo hat geschrieben:Moondream, was meinst du gemau mit "den Medien" die andere/Dritte und "uns" angeblich mit ihren eigenen irrationalen Ängsten stärker manipulieren als dich?

Ich meine hier mit Medien natürlich nicht nur die klassischen Medien (Fernsehen, Rundfunk, Zeitungen) sondern natürlich auch die neuen Medien wie Facebook, Youtube e.t.c.
Und es geht (bei den meisten Medien) eher darum, dass negative Meldungen über Kriminalität, Gewalt e.t.c. oft sehr präsent und reißerisch aufbereitet und vermarktet werden. Dadurch erscheint das ganze überpräsent und bedrohlicher. Irgendwie scheint das bei den meisten Menschen besser anzukommen und bereitwilliger aufgenommen zu werden als die schnöde und sachliche Realität. Ich sehe da bei den Medien nicht mal unbedingt eine böse Absicht und schon gar keine Verschwörung. Es geht letztendlich um Marktanteile und viel Geld, da kann die Wahrheit schon mal etwas verbogen werden, z.B. von der Bildzeitung ist das ja hinlänglich bekannt.
Am stärksten traue ich da noch den öffentlich-rechtlichen. Auch dort passieren Recherchefehler und zuweilen sind die Berichte von persönlichen Meinungen der Reporter eingefärbt, schließlich arbeiten dort ja auch nur Menschen. Aber es fehlt der Druck Gewinn zu machen.

Aber:
Ganze, selbst an sich ganz harmlose Meldungen, werden oft von anderen Medien (dazu zähle ich auch die neuen Medien) aufgegriffen, weiter dramatisiert (manchmal auch komplett verfälscht) und verbreitet.
Mal als extremes Beislpiel: https://www.swp.de/politik/inland/die-fake-nacht-von-dortmund-23288109.html.

Und Ende letzten Jahres gab es eine Studie (finde ich auf die Schnelle nicht, war u.a. bei Heise zu lesen), die zu der recht interessanten Erkenntnis kam, das solche reisserischen Falschnachrichten in sozialen Medien etwa 4 mal häufiger geteilt und auch geglaubt werden, als die eher langweilige Wahrheit.
Und da sehe ich bei den Medien ein große Verantwortung, der nicht alle immer gerecht werden. Natürlich hat jeder von uns auch eine gewisse Verpflichtung die Dinge zu hinterfragen, sich ein eigenes Bild zu machen und nicht einfach Dinge unreflektiert nachzuplappern. Du machst das ja offenbar genau so wie ich. Das da eventuell unterschiediche Ansichten und Schlußfolgerungen daraus entstehen ist dabei ja absolut positiv zu sehen. Nur so kann man seine eigene Ansicht reflektieren und weiterentwickeln. Meiner Erfahrung nach hinterfragen leider viel zu viele Menschen solche Dinge aber eben nicht.

Und ja, die Zusammenhänge sind oft sehr komplex. Und da hakt dann der Populismus mit seinen scheinbar einfachen Lösungen und Antworten ein. Aber das ist eigentlich schon ein anderes Thema.

Vielleicht noch ein anderes Beispiel:
Wenn man die Medien (und die Äußerungen einiger, insbesondere konservativer bis rechter, Politiker) in den letzten Jahren verfolgt hat, so entsteht leicht der Eindruck, dass wir in Europa und Deutshcland vor einer terroristischen Bedrohung ohne Beispiel stehen und in den letzten Jahren Europa duch nie dagewesene Terroranschläge erschüttert wurde. Und früher war sowieso alles besser. Wirklich? Man kann das natürlich einfach glauben, oder selber recherchieren.

dann könnte man z.B. das finden:
https://www.watson.ch/wissen/schweiz/982459207-terror-in-europa-und-der-schweiz-seit-1970-diese-fakten-sollte-man-kennen

Und genau da versagen Medien und Politik grandios. Man greift die aktuellen und tatsächlich auch furchtbaren Anschläge der letzten Jahre auf, berichtet sehr dramatisch darüber, aber vermeidet es, diese in die richtigen Zusammenhänge zu setzten und zu erklären. Hält man die Menschen etwa für zu doof komplexe Zusammenhänge zu erkennen und zu bewerten?

Bei den Medien sehe ich da nur ein Versagen, sei es aus Faulheit, Zeitmangel, Gewinnorientierung oder fehlendes Vertrauen in das Verständnis der Menschen. Zumindes bei den öffentlich rechtlichen und den meisten Privaten.

Bei der Politik sehe ich dagegen durchaus Kalkül. Schließlich lässt isch unter dem Deckmantel 'Terrogefahr' eine Einschränkung der Bürgerrechte und immer stärker Überwachung gut begründen und Konformismus durchzudrücken.

https://www.grin.com/document/171414

Und nein, Lampe und ich gehören nicht zusammen, vielleicht haben wir nur zu einigen Dingen eine ähnliche Meinung.


LG
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Zuletzt geändert von Moondream am Do 16. Mai 2019, 13:52, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Immer weniger Gewalt in der Welt ...

Beitragvon Moondream » Do 16. Mai 2019, 13:52

hab ich grade noch gefunden, eine Schöne Doku die mal aufzeigt, wie manipulation ( auch in den Medien) funktioniert.

https://youtu.be/0obDIkEDUtU
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Re: Immer weniger Gewalt in der Welt ...

Beitragvon Anima (Lufthauch) » Fr 17. Mai 2019, 08:47

Hallo Moondream,

Moondream hat geschrieben:auch ich finde die aktuelle Situation ( Die Esakalation USA - Iran, aber auch generel die Situatuon im Nahen/mittleren Osten und den aufkommenden Handelskrieg USA-China) als sehr bedrohlich, aber ich versuche auch immer die Fakten und Hintergründe zu verstehen um mir eine eigenes Bild zu machen.
Natürlich hat das alles auch Auswirkungen auf uns, aber man sollte diese auch sachllich und ohne Panikmache benennen. Und das vermisse ich zur Zeit in den Medien und auch bei vielen Politikern.


Ich favorisiere auch, wenn’s irgend geht, Besonnenheit und Vernunft - statt Angstmache, Panik, Hysterie und Paranoia mitzumachen. Von daher ja auch das Strangthema.
Nicht gleich auf emotionale Züge aufzuspringen, bringt natürlich viel Zweifelei und Hinterfragen mit sich. Einfache Antworten sind mir in der Regel eher suspekt.
Dass man tunlichst nicht alles so glauben kann/soll, was einem so serviert wird, sieht man ja auch in deinem aufschlussreichen Link „Im Land der Lügen“, wie Daten und Statistiken durch Fehlinterpretationen zum Nutzen von verschiedensten Interessengruppen eingesetzt und verzerrt dargestellt werden. (Sehr sehenswert. :-) )
Ja, finde ich gut, mit zu bedenken, was immer mal so hinter dem Wust an Informationen steckt! S. o. „wem nützt’s“ ist eine oft erhellende Frage, um nicht Fehlinformationen und Trugschlüssen aufzusitzen.

Die interessante Anmerkung, die Calmo mit dem Third-person-effect angesprochen hat (die Wahrnehmungsverzerrung: andere seien stärker von den Medien beeinflusst als man selbst), braucht man ja nicht außer Acht zu lassen. - Es ist sicher richtig, wenn man versucht, als first-person (d. h. ohne Vergleich mit anderen) im Informationsdschungel kritisch zu bleiben.

Insgesamt betrachtet, denke ich mal, man rekurriert am besten auf unabhängige, neutrale Institutionen (in deinem Link wurde ja beispielweise die Cochrane Collaboration genannt, die wissenschaftliche Grundlagen im Gesundheitssystem bewertet), die Daten sichten und nicht durch Abhängigkeiten vorbelastet Informationen vermitteln.

Das betrifft in meinen Augen viele Dinge, z. B. auch: Wie sieht es mit den Spannungsfeldern Klimawandel-Leugner vs. Klimawandel-Hysterie aus oder auch Verharmlosung einer rechtsextremen Gefahr vs. Panik vor der rechtsextremen Machtübernahme?
Sollte man sich auch da in seinen Einschätzungen auf so viel Faktenwissen wie möglich stützen und das Moralisch-Emotionale nicht allzu sehr in den Vordergrund stellen?

Schönen Tag! :-)
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Re: Immer weniger Gewalt in der Welt ...

Beitragvon Moondream » Mo 20. Mai 2019, 21:50

Hallo Anima,

Anima (Lufthauch) hat geschrieben:Das betrifft in meinen Augen viele Dinge, z. B. auch: Wie sieht es mit den Spannungsfeldern Klimawandel-Leugner vs. Klimawandel-Hysterie aus oder auch Verharmlosung einer rechtsextremen Gefahr vs. Panik vor der rechtsextremen Machtübernahme?

Ich verfolge das ganze aufmerksam, versuche mir eine möglichst faktenbasierte Meinung zu bilden und in meinem Umfeld bei Diskussionen eher die vermittelnde Rolle einzunehmen. Leider sehe ich oft, besonders in diversen Foren (z.B. bei Heise), das gerade bei den o.g. Themen sofort die beiden extremen Lager die Kontrolle über die Diskussion übernehmen, sich mit teilweise unterirdischen Ausdrücken gegenseitig niedermachen und so die gemäßigten Töne übertönen und quasi niederschreien. Das macht mich oft betroffen, da so eine vernünftige Diskussion um das eigentliche Thema meist schnell abgewürgt wir und statt Fakten schnell ideologische Dogmen diskutiert werden.


Anima (Lufthauch) hat geschrieben:Sollte man sich auch da in seinen Einschätzungen auf so viel Faktenwissen wie möglich stützen und das Moralisch-Emotionale nicht allzu sehr in den Vordergrund stellen?

Ich denke ja. Oder zumindest mehrere Quellen heranziehen und vergleichen, idealerweise von seriösen Medien oder unabhängigen Institutionen. Und vor allem sollte man auch immer versuchen das Ganze unter Ethischen Gesichtspunkten zu bewerten. Die emotionale und moralische Komponente ganz auszuklammern geht nicht, wir sind alle Menschen und jeder hat moralische und emotionale Werte die er da mit einbringt, das geht gar nicht anders. (ausser man ist ein Vulkanier oder ein Androide :-) ). Trotzdem sollte man immer bedenken das Moral (auch die eigene) im Gegensatz zur Ethik nicht absolut, sondern sehr variabel ist.


Anima (Lufthauch) hat geschrieben:Nicht gleich auf emotionale Züge aufzuspringen, bringt natürlich viel Zweifelei und Hinterfragen mit sich. Einfache Antworten sind mir in der Regel eher suspekt.

Das ist richtig, aber ich bin schon immer jemand der dinge gern infrage stellt und anzweifelt. Und einfache Antworten sind einfach of zu schön oder auf den ersten Blick zu angenehm um real zu sein... _%_

LG
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Re: Immer weniger Gewalt in der Welt ...

Beitragvon Anima (Lufthauch) » Mi 22. Mai 2019, 19:29

Hi Moondream,

also folgenden Absatz hätte ich ja fast genauso schreiben können wie du, entspricht recht genau auch meinen Beobachtungen, witzig! :-)
Moondream hat geschrieben:Ich verfolge das ganze aufmerksam, versuche mir eine möglichst faktenbasierte Meinung zu bilden und in meinem Umfeld bei Diskussionen eher die vermittelnde Rolle einzunehmen. Leider sehe ich oft, besonders in diversen Foren (z.B. bei Heise), das gerade bei den o.g. Themen sofort die beiden extremen Lager die Kontrolle über die Diskussion übernehmen, sich mit teilweise unterirdischen Ausdrücken gegenseitig niedermachen und so die gemäßigten Töne übertönen und quasi niederschreien. Das macht mich oft betroffen, da so eine vernünftige Diskussion um das eigentliche Thema meist schnell abgewürgt wir und statt Fakten schnell ideologische Dogmen diskutiert werden.

Ich finde es tatsächlich oft gut, wenn es in einer Diskussion auch völlig unterschiedliche Meinungen, Perspektiven und Annäherungen an eine Sache gibt. Denn dadurch kommen für mich dann eben auch zusätzliche Aspekte ins Spiel, die (wenn auch manchmal weit icon_winkle ) über das hinausgehen, was ich vorher vielleicht einfach so angenommen hatte, weil ich mich ja in meiner eigenen Denk-Welt und auch vorwiegend in meinen „gleichgesinnten“ Kreisen bewege.
D. h. es ist zwar schön und freut mich immer, wenn ich auf jemanden mit ähnlichen Gedanken wie meine eigenen treffe, aber wenn etwas Gegensätzliches aus einer ganz anderen Ecke auftaucht, macht mich das durchaus auch erst mal neugierig, und ich höre mir das gerne mal an.

Jetzt aber das große ABER: Was man euphemistisch als Konfliktfähigkeit bezeichnen könnte, wird jedoch manchmal in einer Art und Weise betrieben, dass mir die Haare zu Berge stehen.

Das Strangthema hier bezieht sich ja auf die faktenbasierte Interpretation von Statistiken (von den bis jetzt von mir hier genannten: Steven Pinker, Hans Rosling und Tonio Walter) z. B. in Bezug auf Gewalt in der Welt, aber insgesamt auch weitergehend auf eine eher realitätsbezogene statt denk-fühl-verzerrte Weltbetrachtung (incl. unserer menschlich-natürlichen Neigung zur Negativität).

Und diese Herangehensweise macht für mich dann eben auch genau einen Unterschied zur Ideologie-„verzerrten“ Herangehensweise.

Ich stelle mir das so vor: ich kann mich in einem Koordinatensystem mit der Beachtung von Hintergründen, unterschiedlichsten Interessen, kurz- und langfristigen Nutzens- oder Schadenskonsequenzen etc. befassen und bewegen, und dieses ist weit verzweigt und bisweilen hoch kompliziert, ist dabei aber offen ziel- und ergebnisorientiert, auch in einer Diskussion.
Oder aber ich stecke in meinem ideologischen Schützengraben fest, kann mich kaum bewegen, versuche nur höchst effektiv meine Waffen einzusetzen, um das Gegenüber im anderen Schützengraben zu treffen und ggf. mund-"tot" zu machen.
Diese Waffen können vielfältig sein: wie du sagst „unterirdisch“ im Ausdruck, oder auch nur einseitige Interpretationen zulassen, absolute und unbewiesene Behauptungen aufstellen, Fakes und Desinformationen streuen, moralisch statt sachlich argumentieren, emotional aufheizen (mittels Wut und Angst, Sieg und Niederlage) statt sich sachlich auf ein Thema beziehen usw.

In solchen rein Ideologie-gelenkten Diskussionen verzettelt man sich mMn nur, sie sind destruktiv und führen zu keinem vernünftigen Ergebnis, im Gegenteil, wie du auch sagst, alles ernsthaft zu Besprechende wird „abgewürgt“. – Habe das bis jetzt jedenfalls noch nicht anders erlebt.

Aber auch auf dieses Geschehen mag es interessante Perspektiven geben?
Z. B.: Was genau ist mit Ideologie gemeint?
Was motiviert Menschen, sich überhaupt einer fixen Ideologie zu verschreiben?
Welche persönlichen Interessen stecken hinter einer jeweils gewählten Ideologie?
Welches Welt- und Menschenbild wird da in der jeweiligen Ideologie transportiert?
….

Viele Grüße! :-)
Anima
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Re: Immer weniger Gewalt in der Welt ...

Beitragvon Moondream » Mo 27. Mai 2019, 16:42

Hi Anima,

ich komme heute endlich mal wieder dazu ein paar orte hier in disem echt interessanten Thread zu verlieren.

Anima (Lufthauch) hat geschrieben:Aber auch auf dieses Geschehen mag es interessante Perspektiven geben?
Z. B.: Was genau ist mit Ideologie gemeint?
Was motiviert Menschen, sich überhaupt einer fixen Ideologie zu verschreiben?
Welche persönlichen Interessen stecken hinter einer jeweils gewählten Ideologie?
Welches Welt- und Menschenbild wird da in der jeweiligen Ideologie transportiert?


Grundsätzlich sehe ich eine ideologie erst einemal als festes (Welt-) Bilder einer Person oder Gruppe. Ideologien sind, ähnlich wie Religionen oft selbstreferentiell und werden von denne, die ihnen anhängen oft gegen jede Form der Hinterfragung vehement verteidigt. Oft wird also die Ideologie, oder deren Aussage als einzige, universelle Wahrheit angesehen.
Wernn also jemand von außen die Ideologie angreift/hinterfragt, sehen deren Anhängger das oft fälschlicherweise als Angriff auf ihre Grundwerte und reagieren entsprechend.
Beipiele gibt es genug:
* kommunistische und nationalsozialistische ideologie (alles soll sich einer bestimmten zentralen Staatsdoktrin unterordnen, ohne wenn und aber)
* neoliberalismus (alles soll sich dem Wirtschaftswachstum und der Profitsteigerung unterodnen)
* ideologisch überzognene Umwelt- und Tierschützer, z.B. PETA (ich bin sehr für Umwelt-/Klima-/Tierschutz etc. aber solche Kräfte pervertieren das Ganze z.T. und schaden dem eigentlichen Ziel eher als sie nützen. Machmal habe ich da sogar den Eindruck es geht gar nicht mehr um die Sache, sondern nur ums Rechthaben, egal welche Kollateralschäden dabei angerichtet werden. _gruebel_
* rechte ideologien die Fremde, Minderheiten und Ausländer für alles Schlechte verantwortlich machen.
* lässt sich, glaube ich unendlich fortsetzten

Ich möchte das mal am Punkt Glauben/Religion verdeutlichen. Ein der großen Fragen der Menschen ist ja immer wieder: Gibt es Gott?
Da gibt es zum einen Gläubige verschiedener Religion auf der einen Seite und Atheisten auf der anderen Seite.
Bei den Atheisten handelt es sich nach obiger Definition um eine Ideologie, dan der Atheist sagt in der Regel: 'Ich weiß, das es keinen Gott gibt.'
Es gibt aber keinen Beweis, weder für noch gegen die Existenz Gottes. Wird es vielleicht auch nie geben.
Bei Gläubigen (egal welcher Religion) gibt es beides. Es gibt welche die sagen: 'Ich weiß, das es Gott gibt.' - Dann wird für mich Religion zur Ideologie. Soll jetzt keine Wertung sein, nur eine Feststellung. Ist aber die Basis (wenn man es den dazu nutzt) für eine Staatsreligion und/oder Ünterdrückung/diskreditierugn andersgläubiger, nur so am Rande.
Es gibt auch viele Gläubige die sagen in voller Überzeugung 'Ich galube, das es Gott gibt'. Dann ist es Glaube und keine ideologie, dann diese Aussage impliziert auch die Möglichkeit einer Nichtexistenz.

Ich gehe da übrigens den agnostischen Ansatz: ' Ich weiß nicht ob es Gott gibt.' und schließe dann noch an: 'Ich glaube das es keinen Gott gibt.' Das ist aber auch nur ein (mein) Glaube. Nur für mich und ohne den Anspruch den gleichen Glauuben von anderen einzufordern.

Ok, bin etwas abgeschweift, ist aber auch ein spannendes Thema :-)

Anima (Lufthauch) hat geschrieben:Das Strangthema hier bezieht sich ja auf die faktenbasierte Interpretation von Statistiken (von den bis jetzt von mir hier genannten: Steven Pinker, Hans Rosling und Tonio Walter) z. B. in Bezug auf Gewalt in der Welt, aber insgesamt auch weitergehend auf eine eher realitätsbezogene statt denk-fühl-verzerrte Weltbetrachtung (incl. unserer menschlich-natürlichen Neigung zur Negativität).


Wieder zurück zum Kernthema...

Zum Thema sachlicher Umgang mit Gewalt/Terrorismus habe ich einen interessanten Ansatz für mich gefunden. Sagt die der Begriff 'micromort' etwas?
https://de.wikipedia.org/wiki/Mikromort

Hat ein Entscheidungstheoretiker entwickelt, damit kann man das Risiko abschätzen, bei bestimmten Tätigkeiten oder durch bestimmte Ereignisse zu sterben. Ein Micromort ist dabei das Risiko von 1:1000000 bei einer bestimmten Tätigkeit oder durch ein bestimmte Ereignis zu sterben. Klingt villeicht makaber, ist aber ein probates Mittel um rein sachlich herauszufinden, wie hoch das Riskiko/die Gefahr wirklich ist.
Man kann damit z.B. ermitteln wie hoch das Risiko ist, bei einer Urlaubsfahrt mit dem Auto (z.B. nach Italien ) oder eben bei einem Terror Anschalg in Deutschland ums Leben zu kommen.
Spoiler: die Urlaubsfahrt ist gefährlicher ;-)

Das nutze ich gern, um andere Menschen den Unterscheid zwischen realer und gefühlter Gefahr (Gewalt) zu erklären. Das hat schon manchen Aha-Effekt verursacht.

Eine der gefährlichsten Tätigkeiten ist übrigens eine Mt. Everest Besteigung ( ca. 50000 Micromort )
Auch Motrorradfahren (1 Micromort je 10km), Autofahren ( 1 Micromort je 370km) und Zugfahren ( 1 Micromort je 9656 km).

Wenn wir hingegen mal das Risiko berechnen (nur ganz grob), wie hoch das Risiko eine Bundesbürgers war, bei dem (furchtbaren, keine Frage) Terroranschalg auf dem Breitscheidplatz zu sterben: 12 Todespfer : 83 Millionen = 0,144 Micromort. Also ungefähr 1,4 km Motorrad fahren. Für einen Berliner war das Risiko entsprechend höher: 12 Todesopfer : 6,1 Millionen in der Metropolregion = 1,96 Micromort, 20 km Motorrad fahren.
Immer noch weniger als bei einer Urlaubsfahrt nach Italien (sofern mit dem Auto).
Ähnliche Risikobewertungen kann man sicher auch für jede andere Art von Gewalt/Gefahren aufstellen, man müßte nur die entsprechenden Zahlen recherchieren und das Ganze dann


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Re: Immer weniger Gewalt in der Welt ...

Beitragvon Anima (Lufthauch) » Fr 31. Mai 2019, 09:26

Hi Moondream,

Moondream hat geschrieben:Grundsätzlich sehe ich eine ideologie erst einemal als festes (Welt-) Bilder einer Person oder Gruppe. Ideologien sind, ähnlich wie Religionen oft selbstreferentiell und werden von denne, die ihnen anhängen oft gegen jede Form der Hinterfragung vehement verteidigt. Oft wird also die Ideologie, oder deren Aussage als einzige, universelle Wahrheit angesehen.
Wernn also jemand von außen die Ideologie angreift/hinterfragt, sehen deren Anhängger das oft fälschlicherweise als Angriff auf ihre Grundwerte und reagieren entsprechend.

Zunächst neutral betrachtet verstehe ich unter Ideologie eine Welt-Anschauung, hinter der persönliche und/oder gruppenkonforme Wertvorstellungen stehen. Es kann durchaus interessant sein, sich das jeweils anzuhören, welche Weltanschauung jemand so hat.

Allerdings was dann damit gemacht, bzw. wie Ideologie ausgeübt und in Wirkung gebracht wird, deckt sich recht genau mit deiner Darstellung.
Dabei fällt mir auch auf, dass mir mit Menschen, die sich mit ihrer jeweiligen Ideologie sehr stark identifizieren, der Umgang normalerweise wenig Freude bereitet. Sie scheinen sich in einem rigiden System zu befinden, und so langweilen mich gebetsmühlenartig ( icon_winkle ) vorgetragene, immer gleiche Statements und Ansichten, die dazu dienen, die eigene selbst zusammengebastelte oder auch von irgendwem vorgegebene Ideologie zu zementieren. Und damit nicht genug, andere auch noch aus der luftigen Höhe der eigenen Werte-Ideologie missionieren zu wollen und alternative Gesichtspunkte nicht wahrhaben, bzw. abwehren wollen, ist jetzt in meinen Augen auch nicht so förderlich für eine Weiterentwicklung in einer Diskussion.

Ja, deine Beispiele sind für mich auch nachvollziehbar.
(Wenn ich auch Peta immer mal unterstütze. Ja, ich weiß, manches von denen ist zu radikal, aber meine eigene Gefühls-„Ideologie“ erreichen sie dann trotzdem ab und an. 647&/ )

Nun dazu, ob es einen Gott gibt, meine Gedanken (wir sind hier ja im Philosophiebereich :-) ):
Moondream hat geschrieben:Es gibt aber keinen Beweis, weder für noch gegen die Existenz Gottes. Wird es vielleicht auch nie geben.

Kurz vorweg: ich sehe Wissenschaft nicht als Ideologie (vielmehr als das Gegenteil) an. Du hast ja auch die Unterschiede oben schon genannt. Sauber ausgeführt, impliziert Wissenschaft den Zweifel und das Hinterfragen, und Behauptungen werden hier gerade nicht als „einzige, universelle Wahrheiten“ angenommen, sondern immer wieder auf den Prüfstand der Beweisführung gestellt. - Die wissenschaftliche Methodik erscheint mir insofern als ein sehr nützliches Werkzeug zum Erkenntnisgewinn.

Die Methodik angewandt auf die Existenz Gottes:
Angenommen, es wird die Behauptung/Hypothese „Es gibt einen Gott.“ aufgestellt, so ist das selbstverständlich völlig legitim und wenn jemand mit Theorien um die Ecke kommt, finde ich das sowieso meistens prima. - Allerdings: Ich sehe jetzt mal davon ab, dass der Begriff „Gott“ überhaupt noch zu definieren wäre und komme gleich zu einem anderen Punkt: nach einer erkenntnisorientierten Herangehensweise müsste eine Behauptung überprüft und Beweise als Beleg für diese Hypothese gefunden werden, um sie ggf. zu verifizieren. Du schreibst: „es gibt keinen Beweis für die Existenz Gottes“, das stimmt, es hat keiner empirische Belege für eine Existenz Gottes vorlegen können.

Jetzt kommt aber oft ein „Trick“ ins Spiel:
Es gebe ja doch aber auch keinen Beweis für das Gegenteil, also die Nicht-Existenz von Gott. Hm, ja, das mag auch erst einmal plausibel klingen.
Allerdings: das ist ein klassisches „argumentum ad ignorantiam“, also ein Argument bzgl. Nichtwissen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Argumentum_ad_ignorantiam

Darunter versteht man einen logischen Fehlschluss, der darin besteht, dass etwas, das nicht als falsch bewiesen ist, eben dann automatisch wahr sei.
Siehe: auch den Weihnachtsmann und den Osterhasen gibt es nicht, obwohl auch deren Nicht-Existenz nie bewiesen wurde. – Da wird also eine unzulässige Beweislastumkehr vorgenommen: denn derjenige, der etwas behauptet, muss auch Beweise für seine Behauptung erbringen, und nicht derjenige, der an der jeweiligen Behauptung zweifelt.

Und so verhält es sich nach meiner Auffassung nach mit allem, das als „wahre“ Behauptung in den Raum gestellt wird (siehe Ideologien).
Steht ein selbstkritisches und intellektuell integres Bemühen dahinter, mir diese oder jene Sache fundiert zu erklären und dabei auch Zweifel zuzulassen, ist das schon eine ganz andere Geschichte als mich mit Pathos und Täuschung mittels großer Worte zu überziehen.

Ha, und schon sind wir wieder beim Thema: "Immer weniger Gewalt" in der Welt der Fakten, "immer mehr Gewalt" in der Welt der Täuschungen? _gruebel_

Und ja: ist das nicht zusätzlich eine super spannende Frage, wie es denn überhaupt dazu kommt, dass wir Menschen derlei (Selbst-)Täuschungen überhaupt benötigen? – Dazu ließe sich sicher sowohl in psychologisch-philosophischer als auch in evolutionärer Hinsicht einiges an Theorien zusammenreimen … :-)

Moondream hat geschrieben:Zum Thema sachlicher Umgang mit Gewalt/Terrorismus habe ich einen interessanten Ansatz für mich gefunden. Sagt die der Begriff 'micromort' etwas?

Nein, hatte ich bisher noch nichts von gehört, aber das ist ja wirklich gleichzeitig lustig und aufschlussreich, danke! _rosegirl_
Ich könnte mir denken, dass sich diese Maßeinheit auch gut dazu verwenden ließe, über die Zeitverläufe Veränderungen in Risikobewertungen (z. B. auch im Gesundheitsbereich) zu dokumentieren. Denn als absolut und statisch sind diese Einheiten doch sicher nicht anzunehmen.

Viele Grüße! :-)
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