Sensibel, weil man sich dazu entschloss?

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Re: Sensibel, weil man sich dazu entschloss?

Beitragvon Calmo » Sa 29. Jun 2019, 20:37

Linnea hat geschrieben:Wenn ich viel nachdenke, bin ich sensibler. Das tue ich beispielsweise, wenn ich hier im Forum lese.
Auch wenn ich nicht viel schreibe, denke ich dennoch über manche Dinge nach. Meine Sensibilität ist auf Grund meiner chronischen Krankheit zudem ebenfalls unterschiedlich stark. In schwierigen Zeiten eben ist sie ebenfalls höher


Bei mir ist es genau andersherum. Wenn ich gestresst bin, nimmt meine Sensibilität ab. Mir tun bei bestimmten Frequenzen und -verhältnissen die Ohren weh und ich bekomme Kopfschmerzen. Meine Konzentration auf die Partituren, die Musiker, das Publikum und die Technik sinkt und meine Laune wird dadurch schlechter. Das ist dann für mich aber keine Zunahme der Hochsensibilität, sondern eine Zunahme der Überempfindlichkeit, was für mich zwei paar Schuhe sind. Hier im Forum wird Überempfindlichkeit (und alle möglichen psychischen Abweichungen von der Norm, bis hin zu Erkrankungen) so oft mit Hochsensibilität gleichgesetzt was ich nicht nachvollziehen kann. Oder eben als Ursache für alle möglichen Probleme im Alltag. Anders gesagt: Es werden aus irgendwelchen klitzekleinen Korrelationen von ein paar wenigen Variablen scheinkausale Zusammenhänge hergestellt, was einem beim tiefer nachdenken und reflektieren als Hochsensibler eigentlich auffallen müsste – angeblich ein Steckenpferd Hochsensibler: Mustererkennung, überdurchschnittliche Wahrnehmungsfähigkeiten und (Selbst-) Reflexion.

Ich verstehe deine Aussage auch nicht wirklich. Deine Sensibilität (,was für mich Überempfindlichkeit aufgrund einer chronischen Erkrankung ist,) steigt in schwierigen Zeiten, aber dann kannst du dich sensibler auf die Inhalte im Forum konzentrieren? Eigentlich sollte man meinen, dass unter diesen Bedingungen die Aufmerksamkeit sinkt anstatt steigt. Auch ich habe eine chronische Erkrankung. Wenn ich einen Allergieschub habe, werde ich aber nicht sensibler, sondern überempfindlicher und meine Konzentration und das Wohlbefinden sinken. Mein hochsensibles Gehör wird dadurch nicht noch hochsensibler, sondern wird schlechter. Klar denken kann ich dann auch nicht mehr.

Dazu fällt mir noch einiges mehr ein. Wie viele habe ich schon reden hören, sie hätten ein hochsensibles Gehör, dabei konnten sie nicht mal einen Quartseptakkord von einem Dominantseptakkord unterscheiden geschweige denn, deren Umkehrungen. Das lässt eher auf ein besonders schlechtes Gehör schließen, aber nicht auf eine besonders hohe Sensibilität. Als Ausrede kam dann "Ja, aber ich höre doch das Brummen von Nachbars Fernseher und Heizung. Ich bin hochsensibel." Für mich hat das mit Überreizung/Überempfindlichkeit und nicht mit Hochsensibilität zu tun.

DesdiNova87 hat geschrieben:Ich für meinen Teil denke nicht, dass ich durch Inhalte im Forum sensibler geworden bin; aber ich achte jetzt vermehrt auf Merkmale von HS bei anderen Menschen. Auffällig sind die Unterschiede zwischen den Menschen, ich habe inzwischen den Eindruck, dass die Intelligenz einer Person oft für grundlegende Unterschiede verantwortlich ist. Wobei dann das Verhalten auch nicht einheitlich ist.


Auch ich nicht, viel mehr fühle ich mich in meine Jugend zurückversetzt, als ich mich schon wunderte, warum manche Menschen sich von ihren alten Verhaltensmustern nicht lösen oder sie gar nicht erst erkennen. Bin regelrecht entsetzt darüber, welche eigentlich negativen oder normalen Dinge als „hochsensibel“ augemacht werden.
Besonders präsent waren die Abhängigkeiten. Abhängigkeiten vom Elternhaus, nicht loslassen können, nicht erwachsen und aktiv werden, Abhängigkeiten von kleinbürgerlichen Spießerzwängen, Abhängigkeit von vermeintlichen Autoritäten, keine Verantwortung für das eigene Leben übernehmen, die eigene Erziehung und Lebensweise nicht in Frage stellen, Schuld bei anderen (vermeintlich Nichtsensiblen) suchen...
Mit dem Unterschied, dass es sich hier im Forum nicht um Adoleszente, sondern um Erwachsene handelt und die Verhaltensweisen und Reaktionen dann "hochsensibel" genannt werden...

Gelernt habe ich hier nochmal vor allem etwas über festgefahrene Verhaltensmuster, Abhängigkeiten, Stereotypen und Forenmechnismen und -strukturen. Aber über Hochsensibilität, so wie ich sie verstehe, eher wenig.
Um nochmal zum Ausgangspunkt zurück zugehen:
Linnea hat geschrieben:Mir geistert durch den Sinn, ist man sensibel, weil man sich dazu entschlossen hat? Dies bewusst oder auch unbewusst. Oder vielleicht ist man, ein Stück weit (durchaus neben der Veranlagung) da hineinmanövriert worden, einfach von Umständen ?! 


In der Sektenforschung z.B. hat man viele Psychomechanismen herausgearbeitet, wie Menschen sich selbst und andere indoktrinieren bzw. manipulieren können, bis sie etwas glauben. Es reicht manchmal unter bestimten Voraussetzungen sogar schon ein einziger Mechanismus wie der "Schallplatte-mit-Sprung-M.", der nur oft genug wiederholt werden muss, um sich selbst oder anderen etwas glauben zu machen. Insofern denke ich, man kann sich wie bei anderen Sachen auch selbst einreden dass man hs ist, indem man es nur oft genug tut.
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Re: Sensibel, weil man sich dazu entschloss?

Beitragvon DesdiNova87 » Sa 29. Jun 2019, 21:27

Hi,

@Calmo: Ich finde du verallgemeinerst sehr viel und ich bekomme auch den Eindruck, dass du deinen Standpunkt, der dir ja gegönnt sei, als allgemeingültig verstanden haben willst.

So schreibst du z.B. von deinen Jugenderfahrungen und das im Gegensatz dazu hier im Forum alles Erwachsene seien. Dann frage ich mich, wofür gibt es denn extra einen Jugendbereich hier im Forum, der auch gut mit Beiträgen gefüllt ist _gruebel_

Oder ein anderer Punkt, deine Auslegung das ein hochsensibles Gehör gleichbedeutend sei mit einem musikalischen Gehör. Für mich ist das keine überzeugende Argumentation; wenn man sich weltweit durch die Kulturen bewegt gibt es andere Bedeutungen und Definitionen von Musik. Vergleiche z.B. eruopäische Harmonielehre mit orientalischer oder indischer Harmonielehre.

Da finde ich die Definition von einem hochsensiblen Gehör, als ein Gehör welches eine geringe Schwelle zur Wahrnehmung von Geräuschen hat, ohne sie musiktheoretisch einordnen können zu müssen, doch etwas passender. Musiktheoretische Einordnung wird schließlich immer auch kulturell erlernt und kann zu einem gewissen Grad trainiert werden (je nach Talent und Motivation), während ein sensibles Gehör auch ohne Training oder kulturelle Faktoren eine geringe Wahrnehmungsschwelle von jeglichen Geräuschen haben kann.

Letzendlich gibt es so oder so keine "offizielle" Definition, was denn nun ein hochsensibles Gehör ausmacht. Deshalb frage ich mich, was dich dazu bewegt deine Ansicht zum Thema so vehement anzubringen und anderen Definitionen die Berechtigung absprechen zu wollen.


@Linnea:

Linnea hat geschrieben:Desdinova, Danke für Dein Interesse am Faden. Bei Deinen letzten beiden Sätzen kann ich Dir nicht ganz folgen, könntest Du da mal ein Beispiel nennen?


Ich wollte damit sagen, dass Menschen sich grundsätzlich sehr unterschiedlich verhalten. Gut beobachten kann man es z.B. im Einzelhandel. Manche Kunden schaffen es nicht einmal zu grüßen, sondern rufen einfach nur was sie haben wollen. Andere hingegen haben die ganze Situation im Blick, grüßen freundlich und gehen erst dann auf ihre Wünsche ein, sie sprechen in ganzen Sätzen icon_winkle. Für mich sind das klare Indizen für entweder eine sehr egozentrische und beschränkte Wahrnehmung oder eine weit gefächerte Wahrnehmung, mit der Möglichkeit sich ins Gegenüber zu versetzen.

Und da habe ich schon den Eindruck, dass solche Verhaltensweisen oft direkt mit der Intelligenz einer Person zusammenhängen. Weiter sagte ich, dass dieses aber nicht einheitlich ist. Damit meine ich, dass sich z.B. eine intelligente Person auch absichtlich dumm stellen kann, oder obwohl sie sich in das Gegenüber (in diesem Beispiel eine Verkäuferin) versetzen kann, jemandem absichtlich das Leben schwer macht durch beispielsweise egozentrisches Verhalten.

Ich hoffe mit den Erklärungen sind meine Beobachtungen (und nicht mehr als Beobachtungen sind es) besser nachvollziehbar.

Interessant finde ich, dass du deine HS mit einer chronischen Krankheit in Verbindung bringst. Ich habe auch eine chronische Krankheit, die vor allem meine Kindheit sehr geprägt hat. Allerdings war bei mir die Wahrnehmung unabhängig von der Krankheit schon immer etwas überdurchschnittlich und damit steht für mich die Erkrankung in keinem direkten Zusammenhang zur HS.

Trotzdem wäre mein Leben sicherlich komplett anders verlaufen ohne Erkrankung. Krankenhausaufenthalte und Operationen, während meine Freunde unbeschwert im kindergarten spielten. Kuraufenthalte, wo man wichtigen Stoff in der Schule verpasste. Und ich habe eben sehr feinfühlig alles um mich herum mitbekommen. Befreundete Kinder im Krankenhaus sind gestorben oder hatten nur eine kurze Lebenserwartung, das alles hat mich schnell verstehen lassen, das Leben mit anderen Augen zu sehen als meine Altersgenossen und hat auch bis heute Nachwirkungen. Die Erinnerungen trägt man mit sich herum.

Dennoch machen einen auch negative Erfahrungen zu dem, der wir heute sind, und ich bin sehr glücklich mit meinem Leben.

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Re: Sensibel, weil man sich dazu entschloss?

Beitragvon Linnea » So 30. Jun 2019, 09:41

Bevor ich noch ausführlicher antworten sollte, ist mir ein Gedanke gekommen, der besser ausdrückt, wie ich empfinde. Mit sensibler, meine ich definitiv, meine Fähigkeit, mich abgrenzen zu können. Die Grenzen verwischen, verschwinden dann...Das ist sicherlich bei jeden Menschen verschieden.

Edit;

Ich stehe ein wenig auf dem Standpunkt, dass jeder Mensch, die Veranlagung hat zur einer starken Sensibilität. Intelligenzen, sind für mich nicht messbar, da es sehr viele unterschiedliche gibt.
Ich maß mir da nicht an, in Stufen aufzuteilen.

Edit 2:

Meine Hochsensibilität ist nicht ist bei mir nicht Folge meiner Krankheit, sondern die mögliche Ursache. Dennoch muss das nicht auf andere zutreffen.
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Re: Sensibel, weil man sich dazu entschloss?

Beitragvon Linnea » So 30. Jun 2019, 10:10

Calmo, insofern kann ich nur für mich sprechen. Wenn ich mit Dingen beschäftige, sensibilisiere ich mich dafür, wenn ich es lasse, stumpfe ich da ab (grob gesagt). Deswegen mein Gedanke zum Thread. Ich bin recht kreativ im denken, manipuliere mich nicht oder hab das auch nicht bei anderen vor und deswegen spreche den Gedanken auch hier als Frage an, als Denkanstoß...
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Re: Sensibel, weil man sich dazu entschloss?

Beitragvon DesdiNova87 » So 30. Jun 2019, 12:52

Linnea hat geschrieben:Ich stehe ein wenig auf dem Standpunkt, dass jeder Mensch, die Veranlagung hat zur einer starken Sensibilität. Intelligenzen, sind für mich nicht messbar, da es sehr viele unterschiedliche gibt.
Ich maß mir da nicht an, in Stufen aufzuteilen.


Ja, ich denke auch dass es verschiedene Intelligenzen gibt, Bereiche die unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Ich meinte jetzt eher die Extreme, von wenig intelligent - überdurchschnittlich intelligent, die sind doch recht schnell zu erkennen. Es gibt dazwischen natürlich viele Graustufen. Dennoch bleibt meine Tendenz, dass wenig intelligente Personen oft eher eine zumindest in Bereichen eingeschränkte Wahrnehmung haben. Und das jetzt ganz ohne Bewertung, weniger mitzubekommen und sich nicht um alles einen Kopf zu machen kann ja auch ein Segen sein.

Wenn Intelligenz für dich nicht messbar ist, ist denn Sensibilität für dich messbar?


Linnea hat geschrieben:Meine Hochsensibilität ist nicht ist bei mir nicht Folge meiner Krankheit, sondern die mögliche Ursache. Dennoch muss das nicht auf andere zutreffen.


Dazu würde ich gerne mehr erfahren, wenn dir das nicht zu weit geht. Wie kommst du darauf, dass die Sensibilität eine mögliche Ursache deine Krankheit sein könnte? Hat dir das ein Mediziner oder Therapeut so gesagt, oder hast du das für dich selbst festgestellt? Handelt es sich um eine körperliche oder psychische Krankheit?

Bei mir handelt es sich um eine körperliche Krankheit. Die Psyche wird wohl trotzdem meist in Mitleidenschaft gezogen, schädliche Auswirkungen oder der Ausbruch einer psychischen Krankheit zuzätzlich zur vorhandenen körperlichen Erkrankung könnten durch eine vorhandene HS möglicherweise begünstigt werden, könnte ich mir vorstellen.

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Re: Sensibel, weil man sich dazu entschloss?

Beitragvon Linnea » Mo 1. Jul 2019, 08:49

Auch Sensibilität ist für mich nicht richtig messbar, es ist ein empfinden eines jeden selbst.
Weiß nicht wieso oder warum... ich empfinde jedes Wesen als sehr empfindsam, jeweils in unterschiedlichsten Bereichen. Das habe ich in meinem Leben bisher so erfahren. Vielleicht besitze ich selbst, diese Sensibilität, das eben zu empfinden ?!

Dass, mein Gesundheitszustand mit meiner Sensibilität zusammenhängt, wird auch von meiner Ärztin damit in Zusammenhang gebracht. Es ist aber auch stark ein genetischer Faktor dabei im Spiel.

Viele Grüße
Linnea
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