Verdienst oder Geschenk

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Verdienst oder Geschenk

Beitragvon Velvet » Di 3. Jul 2018, 06:04

Guten Sommermorgen :-)


Ich frage mal einfach so ins Blaue: Muss man sich immer alles erst verdienen? Darf man nur genießen, wenn man vorher hart dafür gearbeitet hat, einen Preis gezahlt? Entsteht das Gefühl von Wert(voll) vielleicht überhaupt erst dadurch, dass man viel dafür tun musste?

Oder darf man, ohne schlechtes Gewissen etc., auch einfach Geschenke vom Leben annehmen? Können wir das überhaupt, ohne dabei zu denken: wie kann ich das wieder gut machen, was kann ich im Gegenzug dafür tun, habe ich das auch verdient (was ja im Widerspruch zur Intension eines Geschenkes steht)?
Und, können wir selbst eigentlich schenken, ohne etwas dafür zu erwarten?

Darf man einen einfachen Weg wählen, wenn es auch einen schweren gibt? Und wie wird das dann beurteilt, von einem selbst und von Außen?


...Fragen über Fragen…fühlt euch gern angesprochen, oder auch nicht ;)


Viele Grüße
Velvet
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Re: Verdienst oder Geschenk

Beitragvon Jamania » Di 3. Jul 2018, 07:31

Hallo Velvet, :-)

ich würde wieder mal die goldene Mitte nehmen.

Ungesund wäre für mich genauso, wenn ich die Hände im Schoß liegen habe und nur darauf warte, dass das Leben mich beschenkt, wie wenn ich mich nur ständig antreibe, um mir gute Gefühle "verdienen" zu müssen.

Ich mag es konzentriert, geduldig, detailversessen, mit Herzblut und Seele, mit neuen Strategien, wenn's nicht so läuft auf etwas hin zu arbeiten.
Und genauso kann ich mich über Dinge freuen und die annehmen, die einfach so da zu sein scheinen, ohne, dass ich was dafür getan habe.
Aber ohne das erste würde ich sie vermutlich sogar weniger schätzen können, das stimmt.

Was mir mehr für mein Leben bringt, sind auch eindeutig die Fähigkeiten, die ich mir im ersten Szenario erwerbe.
Die "kann" ich für vieles nutzen.
Ungesund wird's da, wo ich meine, es darf nur so laufen und verlerne los lassen zu können und Gutes, das nicht von mir selbst kommt, anzunehmen.

Viele Grüße, _Mij_
Jamania
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Re: Verdienst oder Geschenk

Beitragvon Velvet » Mi 4. Jul 2018, 06:40

Hi Jamania :-), danke für dein Feedback!

Es hört sich sehr ausgeglichen an, was du beschreibst. Demnach hast du da für dich tatsächlich ein gutes Mittelmaß gefunden, das finde ich schön.



@allgemein


Ich habe in der heutigen Zeit sehr stark den Eindruck, dass der Arbeit und dem Verdienst vor allem die sinnlichen Genüsse wie selbstverständlich untergeordnet werden, fast gar nicht mehr vorkommen. Dieser Verzicht auch kaum noch bemerkt wird, da von Anfang an der Fokus darauf gerichtet wird, sich seine Lebensqualität- und die ist hauptsächlich von der Gesellschaft definiert und wird meist frag- und klaglos vom Einzelnen übernommen- verdienen zu müssen.


Zu mir hat mal wer in etwa gesagt: „ Sie haben gelernt zu überleben, aber nicht zu leben.“ Das hat gesessen und ich denke oft an diesen Satz und übe seitdem, zu leben. Stoße dabei aber auch immer wieder an die inneren Beschränkungen die gesetzt wurden und die ich unhinterfragt übernommen habe. Vor allem an der Stelle, an der es darum geht, etwas Gutes annehmen zu können, für das ich vorher nicht gearbeitet habe.

Obwohl ich ein sehr hingebungsvoller und sinnlicher Mensch bin, steht mir diese Prägung immer wieder im Weg dabei, Geschenke- ob nun materiell oder immateriell, ob von Mensch, Natur, Tier- annehmen und einfach genießen zu können.
Mich wohlfühlen zu können („dürfen“) geht mir immer noch viel zu oft einher mit dem Bedürfnis der Rechtfertigung/Arbeit dafür. Und selbst, wenn ich dafür gearbeitet habe, ist es immer noch zu wenig und hätte mehr sein können. Mir fehlt da auch noch-bis jetzt- eine Verhältnismäßigkeit (ist ja aber alles in Arbeit ;) ).


Ja, und wenn ich mich so umsehe, denke ich, dass Mensch gar nicht mehr zufrieden sein kann. Schon gar nicht mit dem, was er hat. Und sei es noch so viel und viel zu viel. Es muss mehr sein. Es hat kein Ende, es ist nie gut. Nur dann, wenn es immer noch eine Steigerung gibt, die es zu erschuften gilt. Überleben statt Leben. Verdienen ohne je gelernt zu haben, zu genießen...
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Re: Verdienst oder Geschenk

Beitragvon Jamania » Mi 4. Jul 2018, 07:59

Hi Velvet, :-)

ich bin genauso Produkt meiner Erziehung, meiner Prägung, meiner Auswertung all dessen, was ich "draußen" sehe wie du.
Allerdings habe ich für mich wohl eine ganz andere Entwicklung genommen und würde dem heute nicht mehr zustimmen (habe ich aber mal pauschal so gesehen):

Velvet hat geschrieben: Ja, und wenn ich mich so umsehe, denke ich, dass Mensch gar nicht mehr zufrieden sein kann. Schon gar nicht mit dem, was er hat. Und sei es noch so viel und viel zu viel. Es muss mehr sein. Es hat kein Ende, es ist nie gut. Nur dann, wenn es immer noch eine Steigerung gibt, die es zu erschuften gilt. Überleben statt Leben. Verdienen ohne je gelernt zu haben, zu genießen...


Ich finde, dass Mensch heute so viel Freiheit hat wie noch nie, sein eigenes zu tun und denken, ohne drangsaliert oder verurteilt zu werden.
Er kann aus Vielfalt das für sich aussuchen, was zu ihm passt, kann sich zurücknehmen und sagen: es genügt, ich freue mich!
Er hat das Wissen um die Manipulationen von Werbungen und Einflüsterungen, die ihn in ihrem eigenen Interesse von genau diesen Gedanken abbringen wollen.

Und JEDER hat die Möglichkeit zu sagen: das möchte ich nicht mit mir machen lassen!
Ob er es tut, liegt sicher an unterschiedlichen Voraussetzungen.
Bei mir war und ist es sicher auch Rebellion gegen diese für mich dummen und dreisten Verführer.
Ich möchte nicht deren Marionette werden, will nicht zu einer Süchtigen werden, die ihre Glücksgefühle durch Konsum bezieht.

War schon früh in meinem Leben so, und ich sehe und treffe viele Menschen, die keine Fanatiker sein müssen (klar kann man sich nicht vollständig von allem abschotten, das wäre genauso ungesund), die aber nicht jedem Trend hinterher hecheln und alles haben müssen, damit sich ihr Leben lohnt, die eben nicht maßlos sind, sondern auch genießen können - und zwar das, was sich für sie gut anfühlt.

Aber die Menschen, die dieses Sättigungsgefühl nicht haben gibt es auch. Klar, da hast du Recht.
Sie tun mir leid.
Wenn ich viel fern sehe, habe ich z.B. eher das Gefühl, dass sie den Planeten überrannt haben.
Wenn ich mit Menschen real zu tun habe (bin da aber eher wählerisch), merke ich, dass wir alle ziemlich ähnlich sind, zwar jeder andere Dinge für sich als wichtig sieht, aber es rein gar nichts mit dem Bild zu tun hat, dass du zeichnest.
Es ist vermutlich wirklich eine Frage der Perspektive, und die lässt sich tatsächlich zu einem Teil selbst verändern.
Natürlich abhängig davon, wie gern man an seiner festhalten will und diese immer wieder bestätigt sehen möchte oder sich von ihr weg bewegen will.

Viele Grüße, _Mij_
Jamania
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Re: Verdienst oder Geschenk

Beitragvon SleepyHermit » Do 5. Jul 2018, 01:44

Hallo Velvet und Jamania,

ein wirklich interessantes Thema. Die Frage, ob man sich alles verdienen muss, um es genießen zu "dürfen" würde ich für mich ganz klar
mit nein beantworten. Ein Waldspaziergang, von einem fremden Menschen angelächelt zu werden oder ein schöner Sonnenaufgang wären Beispiele dafür.
Diese Dinge kann ich genießen und bin mir bewusst, dass ich vorher keinerlei eigene Arbeit dafür erbracht habe. Sie wurden mir von
der Natur oder einem Menschen einfach so geschenkt. Dennoch kenne ich das Gefühl in zwischenmenschlichen Beziehungen Probleme damit
zu haben Geschenke anzunehmen. Es wirft für mich immer direkt die Frage auf, ob ich es eigentlich Wert bin beschenkt zu werden.

Glücklicherweise bin ich vor ein paar Jahren im Halbschlaf über mein TV-Kabel gestolpert und habe seitdem keinen Fernseher mehr.
Die Manipulation "der Medien" dem Menschen einzureden, dass er nur wertvoll sei, wenn er über ausreichend viele Statussymbole verfügt,
wird immer unerträglicher. Besonders für junge Menschen. Mittlerweile bin ich fast erstaunt, dass es dennoch einige Menschen schaffen,
ihren eigenen Wert nicht so sehr an ihren ökonomischen Wert zu knüpfen. Scheinbar sickert langsam durch wie hoch die wahren Kosten
für so einen Lebensstil sind. Die Anstiege an Depressionen in der "entwickelten" Welt sprechen da eine ziemlich eindeutige Sprache.

Die Frage, ob man auch einen einfachen Weg nehmen darf, selbst wenn es einen schwierigen gibt, finde ich sehr spannend. Im ersten Moment
wollte ich darauf sofort fragen, was denn gegen den leichten Weg spricht, wenn ansonsten alle Faktoren gleich bleiben. Wieso sollte
es erstrebenswert sein den schwierigen Weg zu gehen? Klingt da nicht heraus, dass man sicht selbst keine Leichtigkeit gönnt? Eine Art
selbstfeindliche Haltung? Auf der anderen Seite ermöglicht der schwierige Weg evtl. eine Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit.
Aber dann stellt sich die Frage, ob man wirklich ein besserer/entwickelterer Mensch ist, wenn man gelernt hat mit möglichst vielen
Problemen umzugehen. Oftmals erscheinen mir Kinder als die wahrsten und weisesten Menschen. Sie lächeln ständig. Die Augen strahlen.
Sie sprechen einfach aus was die denken. Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, dass der Lebenskampf und die ganzen Bewältigungsstrategien
erwachsener Menschen im Grunde genommen einen Rückschritt und keine Weiterentwicklung darstellen.

So, ich hoffe mein Post war nicht zu wirr und weit weg vom eigentlichen Thema entfernt. Mir fällt es oft schwer bei einer konkreten
Frage zu bleiben. Es kommen einfach immer zu viele neue Fragen und Gedanken dazu, die irgendwo anders hinführen.

Ich wünsche euch beiden und allen anderen eine schöne Nacht und eine erfolgreiche "Rebellion gegen die dummen und dreisten Verführer" (Ich hätte es
nicht schöner sagen können, Jamania!)

Liebe Grüße,
Sleepy Hermit
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Re: Verdienst oder Geschenk

Beitragvon Velvet » Do 5. Jul 2018, 06:38

Hallo Jamania!


Ich denke, eine Überzahl bleibt eine Überzahl, auch, wenn man die Perspektive ändert. Ich kann von oben, unten, rechts, links...auf diesen Planeten und seine Bewohner sehen, und es bleibt für mich dabei, dass der Hauptanteil der Menschen eben nicht seine Freiheit zur Wahl nutzt, sondern sich lieber in Abhängigkeiten begibt, der Masse und gern einem der sie anführt folgt, sich Regeln und Gesetzen unterwirft, die er nie hinterfragt hat und somit gern die Verantwortung für den Lauf seines Lebens an andere abgibt.

Ich kann mir nicht anders erklären, warum sich sonst ein dermaßen irrsinniger Konsumrausch- und nicht nur in unserem Land- entwickeln konnte. Wer kauft das denn alles und wirft es nach einem Jahr wieder weg, um sich was „Neues“ zu leisten, wer hält diesen ganzen Wahnsinn in Gang, sorgt dafür, dass die Spirale sich immer weiter dreht. (Zumindest habe ich nicht den Eindruck, dass sich an dieser „Besessenheit“ in den letzten Jahren eine Tendenz zum Rückgang und zur Besinnung auf Weniger und Genuss zeigt.)

Es sind doch dann sicher nicht die, die so wie du es von dir beschreibst, sich diesem Wettlauf verweigern. Wenn das so viele, die Überzahl wäre, würde es dann nicht ganz anders gesellschaftlich und umweltmäßig aussehen? Wir ersticken in unserem Konsummüll und nichts hält uns davon ab an dem Ast zu sägen, auf dem wir sitzen. Nicht mal der Gedanke daran, in was für einem vergifteten, desolaten und ausgeraubten Zustand wir die Erde unseren Kindern hinterlassen…


Eine meinungsändernde Perspektive auf diese Thematik wäre dann lediglich für mich, die Augen und Ohren zu verschließen. Für mich ist ein Perspektivwechsel nicht immer eine Lösung. Manchmal ist es mir auch wichtig, den Fokus zu halten und auszuhalten, was ich sehe, einen _Stand_ - Punkt zu haben.


@ SleepyHermit

Vielen Dank für deine Meinungsäußerung! Ich schreib´dir später noch dazu!



Viele Grüße
Velvet
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Re: Verdienst oder Geschenk

Beitragvon Jamania » Do 5. Jul 2018, 08:13

Hallo SleepyHermit, :-)

schönes Posting von dir, mein Kopf kribbelt, weil du so viele Synapsen angestuppst hast icon_winkle
SleepyHermit hat geschrieben:Dennoch kenne ich das Gefühl in zwischenmenschlichen Beziehungen Probleme damit
zu haben Geschenke anzunehmen. Es wirft für mich immer direkt die Frage auf, ob ich es eigentlich Wert bin beschenkt zu werden.

_yessa_ Ja, aus dieser Richtung komme ich auch.
Und viele Menschen, wenn man dem Selbsthilfesektor glaubt, den dieses Thema dominiert.
Auf der anderen Seite immer wieder die Erfahrung, dass Menschen selbstsüchtig und gierig sind, sofort nehmen und sogar nach mehr fordern...
Dann die Erkenntnis, dass es oft nicht mal typenbedingt ist, sondern auch noch situativ, also ein gutherziger Mensch mal was fordert oder nehmen will, es aber dann vielleicht besonders grob macht.
Oder man selbst denkt, jetzt müsste man endlich mal nicht nur nehmen, sondern sogar fordern..., wo man doch so lange still gehalten hat und immer der Gebende war.... _nüxweiss_

SleepyHermit hat geschrieben:Glücklicherweise bin ich vor ein paar Jahren im Halbschlaf über mein TV-Kabel gestolpert und habe seitdem keinen Fernseher mehr.

Glückwunsch! _thum_
Bin noch nicht soweit, ich brauch es abends um runterzukommen, weiß aber glücklicherweise am nächsten Tag meist nicht mehr, was ich überhaupt gesehen habe.... #bäh#

Das hier finde ich sehr, sehr spannend und es wird mich bestimmt den ganzen Tag beschäftigen:
SleepyHermit hat geschrieben:Wieso sollte es erstrebenswert sein den schwierigen Weg zu gehen? Klingt da nicht heraus, dass man sicht selbst keine Leichtigkeit gönnt? Eine Art selbstfeindliche Haltung? Auf der anderen Seite ermöglicht der schwierige Weg evtl. eine Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit. Aber dann stellt sich die Frage, ob man wirklich ein besserer/entwickelterer Mensch ist, wenn man gelernt hat mit möglichst vielen Problemen umzugehen.

Ist nicht leicht für mich zu bestimmen, ob man ein besserer Mensch ist, wenn man sich gemäß seiner Möglichkeiten entwickelt.
Ich fände es nur eine Verschwendung von - tja was - Seele, Energie, Potenzial - wenn ich das Gefühl hätte, es nicht zu tun.
Vielleicht wäre es nicht so, wenn ich in einem Zustand der absoluten Zufriedenheit mit allem um mich herum leben würde, aber noch befinde ich im ich Auf und Ab des Lebens und balanciere in und mit dieser Bewegung.
Und habe gemerkt, dass es mir sehr viel Befriedigung gibt MIT der Bewegung balancieren zu können, auch wenn sie mal anstrengender wird.

Ich hasse das Gefühl, mich gerade nur halten zu können, ständig zu stolpern oder den Schreck herunter zu fallen.
Um da geschmeidiger zu werden, ist es für mich wichtig zu üben und es macht mir sogar Spaß mich zu fordern - in meinem Rahmen.
Dann finde ich es sogar schön immer geschickter zu werden, Balance zu halten und die Bewegungen mitmachen zu können.

Ich bin mir aber auch eine geduldige Lehrerin, die mich nicht dem aussetzt, an dem ich scheitern muss, sondern mir immer kleine Schritte vorgibt und die mich auch belohnt und lobt, wenn ich es schaffe. :-)

Als ich vor ein paar Jahren immer wieder die Litanei vom inneren Kind gehört habe, ist dieses Bild in mir gewachsen, denn eigentlich hatte ich keinen Bock mehr auf mein inneres Kind, ich wollte einen inneren Lehrer, der genau das war, was ich im Außen immer sehr vermisst habe. icon_winkle

Vor diesem Hintergrund sind bei mir die "Geschenke" des Lebens dann auch genau das: Erholungspausen, Belohnungen, Stimmungen, in denen ich "Urlaub" machen darf.
Aber genau wie im rl langweilt mich ewiger Urlaub und ich bin froh, wieder zurück kommen zu dürfen.
SleepyHermit hat geschrieben:Oftmals erscheinen mir Kinder als die wahrsten und weisesten Menschen. Sie lächeln ständig. Die Augen strahlen.Sie sprechen einfach aus was die denken. Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, dass der Lebenskampf und die ganzen Bewältigungsstrategien erwachsener Menschen im Grunde genommen einen Rückschritt und keine Weiterentwicklung darstellen.


Hmmh nein, das habe ich nicht.
So charmant und liebenswert diese Eigenschaft bei kleinen Kindern, bei Tieren, bei Dementen, bei behinderten Menschen ist, wenn ich mir einen Menschen vorstelle, mit dem ich auf Augenhöhe umgehen will, hätte ich ein Problem damit, wenn das ganze Leben ohne Spur an ihm vorbei gegangen wäre.
Meine Hochachtung gilt denen, die es alles gemacht, erlebt und erfahren haben und dann für sich diese Erfahrungen ausgewertet haben, so dass sie (jetzt total subjektiv von meiner Seite natürlich) das wichtige vom unwichtigen trennen können und ihre eigene Linie gefunden haben.
Eben Menschen mit ganz eigener Persönlichkeit werden - anders als die Abziehbilder der Gesellschaft, die sich da nur aufs Außen verlassen und das nie mit dem abgleichen, was in ihrem Innern da ist, vielleicht auch nicht die Fähigkeit dazu haben...
Für mich sind gerade Menschen, die sich dem erwachsen sein verweigern besonders anfällig dafür in der Kultur der oberflächlichen Maßlosigkeit der Jugend stecken zu bleiben.
Meine ich jetzt gar nicht mal so wertend, das mit der Jugend, ich finde es richtig und gut diese Zeit als Ausprobierzeit mit allem vollzustopfen was geht und durchaus unvernünftig und maßlos sein zu dürfen.
Schwierig wird's für mich nur dann, wenn diese Werte sich auf die "erwachsene" Welt übertragen, die Jugendkultur verherrlicht wird.

SleepyHermit hat geschrieben:So, ich hoffe mein Post war nicht zu wirr und weit weg vom eigentlichen Thema entfernt. Mir fällt es oft schwer bei einer konkreten Frage zu bleiben. Es kommen einfach immer zu viele neue Fragen und Gedanken dazu, die irgendwo anders hinführen.

Nein, finde ich gar nicht! :-)
Und wenn, dann wäre ich die letzte, die das sagen dürfte, denn da bin ich meisterhaft drin #bäh#

Viele Grüße _Mij_ ,
Jamania
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Re: Verdienst oder Geschenk

Beitragvon Jamania » Do 5. Jul 2018, 11:03

Velvet hat geschrieben:Ich denke, eine Überzahl bleibt eine Überzahl, auch, wenn man die Perspektive ändert. Ich kann von oben, unten, rechts, links...auf diesen Planeten und seine Bewohner sehen, und es bleibt für mich dabei, dass der Hauptanteil der Menschen eben nicht seine Freiheit zur Wahl nutzt, sondern sich lieber in Abhängigkeiten begibt, der Masse und gern einem der sie anführt folgt, sich Regeln und Gesetzen unterwirft, die er nie hinterfragt hat und somit gern die Verantwortung für den Lauf seines Lebens an andere abgibt.


Velvet hat geschrieben:Ich kann mir nicht anders erklären, warum sich sonst ein dermaßen irrsinniger Konsumrausch- und nicht nur in unserem Land- entwickeln konnte. Wer kauft das denn alles und wirft es nach einem Jahr wieder weg, um sich was „Neues“ zu leisten, wer hält diesen ganzen Wahnsinn in Gang, sorgt dafür, dass die Spirale sich immer weiter dreht. (Zumindest habe ich nicht den Eindruck, dass sich an dieser „Besessenheit“ in den letzten Jahren eine Tendenz zum Rückgang und zur Besinnung auf Weniger und Genuss zeigt.)


Wenn du Lust und Interesse hast, deine Perspektive mal etwas zu ändern, wäre hier z.B. ein Ansatz, den ich sehr positiv finde:
https://gruene-startups.de/
Die Entwicklung ist sehr wohl rückläufig.
Egal, mit wem du sprichst, keiner findet es mehr gut, aber die Strukturen sind geschaffen worden in einer Zeit, in der das Bewusstsein noch nicht da war, was passieren würde.
Der Verbraucher kann zwar etwas in seinem Kaufverhalten machen, aber es bewegt nicht wirklich was, weil es einfach zu viel ist, dass im Argen liegt.
Dann kommt es so, dass der eine Plastikmüll spart und wütend auf den schaut, der das nicht macht, der sich vielleicht dafür aber vegan ernährt....

Es wird an allen Ecken und Enden gebastelt und ich setze meine Hoffnung auf einen neuen Markt, der genau aus diesem Bewusstsein der Konsumenten entstehen wird, aber schnell wird das nicht gehen.
Die Dinosaurier der Wirtschaft werden versuchen, so lange es geht, an ihrer Macht festzuhalten, aber sie sind vom Image her schon fast alle unten durch.

Dennoch sind sie wichtig, um die Stabilität aufrecht zu erhalten, in der kleine Unternehmen, junge Gründer, pfiffige Pioniere mit dem neuen Bewusstsein auch neue Wege gehen werden.
Da setze ich meine Hoffnung drauf und da schaue ich auch hin.
Die Mehrzahl der Konsumenten ist nicht schlimmer als ich, habe ich festgestellt: wir mosern über die Situation, finden es schlimm, was alles passiert, picken uns Dinge heraus, die wir nicht tolerieren und dann auch nicht unterstützen, verzweifeln darüber, dass es scheinbar so gar nichts bringt, sind ärgerlich, weil "die anderen" nicht mitmachen und es somit boykottieren, kriegen nicht mit, was die anderen boykottieren oder finden das nicht so wichtig....

Eine ganz schräge Situation.
Deshalb hilft es mir, darauf zu schauen, was sich tut.
Und das ist wirklich viel, es dringt aber nicht ins öffentliche Bewusstsein.

Aber vielleicht ist das genau der Knackpunkt des Themas um darauf überhaupt (und dann auch noch positiv) schauen zu können: denn wenn man "Verdienst" als etwas negatives abstempelt und sich stattdessen auf das passive "Geschenk" konzentrieren möchte als Lösung von Problemen, dann schaut man nicht wohlwollen auf die, die an Dingen arbeiten, sich bewegen, sich neue Wege durch Aktivität "verdienen"...

Viele Grüße, _Mij_
Jamania
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Re: Verdienst oder Geschenk

Beitragvon SleepyHermit » Fr 6. Jul 2018, 15:45

Hey ihr beiden,

Jamania hat geschrieben:Hallo SleepyHermit, :-)

schönes Posting von dir, mein Kopf kribbelt, weil du so viele Synapsen angestuppst hast icon_winkle


Freut mich, dass ich deine Synapsen anstuppsen konnte. Vielleicht bringt es dich ja irgendwie "weiter". Wenn nicht, dann ist
ein Kribbeln im Kopf ja auch nicht so schlecht :-)

Ich hab gestern die ganze Zeit darüber nachgedacht wo ich mich eigentlich selbst in eurer Meinungsverschiedenheit positioniere.
Was ich glaube. Was ich glaube zu wissen. Und was eigentlich nur durch meinen eigenen Charakter festgelegt ist. Und bevor ich
jetzt noch einen Tag ohne Ergebnis vor mich hinbrüte, schreibe ich lieber mal die ganzen wirren Gedanken auf. Vielleicht
kommen wir ja zusammen im Austausch der "Wahrheit" ein Stück näher.

Ich finde deinen Optimismus wirklich schön, Jamania. Er ist irgendwie fast ansteckend. Da ich selbst ein ziemlicher Pessimist bin,
werfe ich Optimisten oft Naivität vor. Und oftmals zeigt sich beim Nachhaken auch, dass Optimisten wirklich ziemlich naiv sind,
wenig wissen und sich dann über Aussagen wie "Wenn es den Menschen besonders schlecht geht werden sie kreativ" oder "Du denkst einfach
zu negativ" aus dem Gespräch herauswieseln. Du scheinst aber ein "echter" Optimist zu sein, daher werde ich versuchen meine Bedenken
so sanft wie möglich darzustellen :-)

Also.. Erstmal stimme ich dir zu, dass sich an vielen Ecken kleine Pflänzchen bilden, die dem Wahnsinn der heutigen Zeit versuchen
entgegenzuwirken. Das bekomme ich selbst auch mit. Ich denke die Ursachen dafür sind - wie schon in meinem ersten Posting angedeutet -
die zunehmende Belastung der Menschen in der Arbeitswelt, die nicht mehr zu leugnende Ungerechtigkeit auf Erden und die ebenfalls
offensichtliche Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen. Ferner wächst die zum Himmel schreiende Diskrepanz zwischen dem was ist und
dem was - aufgrund der heutigen Produktivität und Technologie - sein könnte, von Tag zu Tag und ist Dank des Internets auch für jeden
einsehbar. Man könnte also durchaus positiv in die Zukunft gucken (Achtung, jetzt kommt das böse Wort), aber es gibt auch gute Gründe
den Optimismus etwas zu dämpfen:

1) Hat das Kapital diesen Trend längst erkannt und nutzt ihn für die eigenen Interessen, also die Vergrößerung des Mehrwertes. Ich habe
vor einer Weile in einem Vortrag eines Linksradikalen den guten Tipp bekommen, mal zuzuhören, was denn die Mächtigen dieser Welt (Die Reichen.
Keine Politiker) so zum Besten geben, wenn sie unter sich sind. Er hat hierfür aus dem Manager-Magazin zitiert. Ich habe den genauen
Wortlaut nicht mehr parat, aber frei übertragen stand da sowas wie: "Versuchen sie nach aussen hin so ökologisch wie möglich aufzutreten.
Versuchen sie sich in den Öko-Bilanz-Rankings so weit oben wie möglich zu positionieren. Aber lassen sie auf keinen Fall zu, dass dieser
ganze Öko-Schnickschnack ihre Bilanzen gefährdet". Dieses Vorgehen hat dann in deren Kreisen auch direkt einen griffigen Namen bekommen.
Sie nennen es "Greenwashing".

2) Ist es oftmals sehr schwierig zu sagen welche Art der Produktion wirklich nachhaltiger ist. Ihr kennt sicherlich die Beispiele aus
der Solarenergie oder Biogasenergie. Es kann durchaus sein, dass eine vermeintlich ökologische Produktion oder Energiegewinnung der
Natur mehr schadet als der Konventionelle Weg, weil z.B. die Gewinnung der benötigten Ressourcen oder deren Transport nicht in die
Bilanzen einfließen und trotzdem hohe Schäden für Mensch und Natur mit sich bringen.

3) Und das wäre mein persönlicher Hauptzweifel, und meiner Meinung nach auch der grundlegenste Kritikpunkt an der ganzen Green-Economy-Idee:
Sie befreit den Menschen auch nicht aus seinem Selbstverwertungszwang.
Zugegebenermaßen ist das eine linksradikale Kritik. Ein Liberaler oder Konservativer wird diesen Punkt vermutlich nicht als Problem sehen.
Ich versuche mal ein bisschen zu umschreiben was ich damit genauer meine. Stellen wir uns mal vor es gäbe wirklich eine Möglichkeit nachhaltig
zu produzieren und zu konsumieren. Alles was die Menschen verbrauchen, würde während der Produktionsspanne wieder nachwachsen. Die Produktion
wäre komplett schadstofffrei. Es gäbe keinerlei irreversiblen Schäden am globalen Ökosystem. Wäre ich zufrieden? Nein! Wieso denn nicht? Weil
der Mensch immernoch gezwungen wäre sich selbst an den Markt zu verkaufen. Anstatt in Kohlekraftwerken zu schuften, würden wir unsere Zeit
in Fusionskraftwerken vergeuden. Man würde auf dem Weg zur Arbeit zwischen ganz vielen E-Autos im Stau stehen. Das Kündigungsschreiben der
Firma bekäme man auf ökologisch neutralem Papier präsentiert. Der Mensch wäre immernoch unfrei. Lediglich der Planet wäre geschützt. Als eher
humanistisch denkender Mensch birgt das aber auch ein hohes Risiko: Wir könnten bis zum Ende aller Tage "glückliche" Sklaven bleiben.

So, ich könnte zwar noch mehr schreiben, aber der Post ist schon wieder so lang, und ich habe manche Dinge aus euren anderen Postings
noch gar nicht berührt. Das mache ich aber jetzt in einem neuen Posting :-)

Ich hoffe euch geht es gut.

Liebe Grüße,
Sleepy Hermit
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Re: Verdienst oder Geschenk

Beitragvon SleepyHermit » Fr 6. Jul 2018, 19:16

Hallo mal wieder,

Jamania hat geschrieben:Auf der anderen Seite immer wieder die Erfahrung, dass Menschen selbstsüchtig und gierig sind, sofort nehmen und sogar nach mehr fordern...
Dann die Erkenntnis, dass es oft nicht mal typenbedingt ist, sondern auch noch situativ, also ein gutherziger Mensch mal was fordert oder nehmen will, es aber dann vielleicht besonders grob macht.
Oder man selbst denkt, jetzt müsste man endlich mal nicht nur nehmen, sondern sogar fordern..., wo man doch so lange still gehalten hat und immer der Gebende war.... _nüxweiss_


Hmm, ich versuche etwas zu finden, das du noch nicht angesprochen hast. Irgendwas allgemeingültiges oder einen neuen Impuls.
Aber das beste was mir einfällt ist auch genau das hier: _nüxweiss_

Jamania hat geschrieben:Ich hasse das Gefühl, mich gerade nur halten zu können, ständig zu stolpern oder den Schreck herunter zu fallen.
Um da geschmeidiger zu werden, ist es für mich wichtig zu üben und es macht mir sogar Spaß mich zu fordern - in meinem Rahmen.
Dann finde ich es sogar schön immer geschickter zu werden, Balance zu halten und die Bewegungen mitmachen zu können.


Wow, das klingt irgendwie sehr weise. Ich glaube du bist deinem Ziel näher als ich meinem. Ich habe eher immernoch das Gefühl
gegen die Bewegungen des Lebens anzukämpfen und mich vor ihnen zu verstecken. Aber auch ich arbeite langsam an mir :-)

Jamania hat geschrieben:Ich bin mir aber auch eine geduldige Lehrerin, die mich nicht dem aussetzt, an dem ich scheitern muss, sondern mir immer kleine Schritte vorgibt und die mich auch belohnt und lobt, wenn ich es schaffe. :-)


Auch das klingt gesund und beneidenswert. Ich bin in Bezug auf mich selbst ein zu strenger Lehrer (gewesen). Meine Ziele fordern mich zu stark oder sind schlichtweg unrealistisch. Aber wie gesagt,
man kann ja versuchen zu lernen :-)

Jamania hat geschrieben:So charmant und liebenswert diese Eigenschaft bei kleinen Kindern, bei Tieren, bei Dementen, bei behinderten Menschen ist...


Interessant. Da würde ich meine eigene Aussagen anpassen wollen. Kinder als "weiseste und wahrste" Menschen zu bezeichnen war doch arg hochtrabend und enspricht auch nicht dem, was ich
eigentlich sagen wollte. Ich denke "liebenswert" ist ein besserer Ausdruck dafür. Es ist aber genau das, was mir in der Welt der Erwachsenen häufig fehlt. Menschen ohne Masken, die sich trauen eigene
Schwächen zu zeigen und Schwächen anderer akzeptieren können. Mehr Sanftmut. Mehr Sensibilität. Daher wohl meine Idealisierung von Kindern.
Naja, ist wohl nicht überraschend, dass sich eine HSP über zu wenig Sanftmut in der Welt beschwert ;-)

Jamania hat geschrieben:Meine Hochachtung gilt denen, die es alles gemacht, erlebt und erfahren haben und dann für sich diese Erfahrungen ausgewertet haben,
so dass sie (jetzt total subjektiv von meiner Seite natürlich) das wichtige vom unwichtigen trennen können und ihre eigene Linie gefunden haben.


Schöner Satz. Ich stimme zu :-)

Da nur 6000 Zeichen erlaubt sind, verlagere ich den Rest in ein neues Posting _läch_
(edit: Mach ich nicht. Ich schreibe hier eh schon zu viel gerade und das wäre der dritte Post in Folge.
Vielleicht poste ich die Sachen später, nachedem jemand anderes zu Wort gekommen ist)

Liebe Grüße,
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