Wie geht Spiritualität im Alltag?

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Re: Wie geht Spiritualität im Alltag?

Beitragvon cindy sun » So 26. Aug 2018, 16:50

sissipha hat geschrieben:Was versteht ihr unter Liebe?

Hallo sisspha,

Es gibt schon einige Themen, die in die Richtung gehen. Wenn ich Zeit habe, suche ich die mal raus.

LG, cindy
.
Ich bin nicht egoistisch - ich passe nur auf mich auf! _yessa_

--- Ich nehme mein Leben zu dem Preis, den es mir gekostet hat und noch kosten wird. --- H.G. Nobis
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cindy sun
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Re: Wie geht Spiritualität im Alltag?

Beitragvon fee » So 26. Aug 2018, 20:52

Guten Abend :)

@ Anima: du schriebst, wenn du fälsch lägest, solle ich das sagen. Ich finde, es gibt bei solchen Fragen kein Richtig oder Flasch!!
Antworten möchte ich mit einer Aussage von, ich meine mich zu erinnern, Judith Butler wars, dass eine Norm geschaffen wird, wenn eine andere ausgeschlossen wird. In dem Fall meine ich, dass die Idee der Spiritualität nicht ohne Philosophie oder ohne Religion, die ja auch mit eineander historisch verbunden sind, auskommt, eben aufgrund des Erfahrungsschatzes. Soweit eine kurze und knappe wissenschaftliche Antwort. Die westliche Welt basiert ja auf dem Konzeptdenken.

Spirituell ist aber auch, wie ich finde, und das ohne wissenschaftliche Erklärungen oder Ideen, sich etwas bewusst machen, bewusst sein. Also begonnen damit, sich z.B. bewusst darüber zu sein, welche Art der Nahrungsaufnahme passiert, bewusst darüber sein, welche Reaktionen das Handeln auslösen usw... und jetzt doch noch ein Zitat dazu, begonnen mit „ich denke also bin ich.“ von Descartes....

Zu Spirit Berlin, dieser Film ist bei einem der Streamingdiensten zu sehen (darf ich sagen wo, oder ist das dann Werbung?). Es geht um die Sinnsuche. Der Protagonist erkundet verschiedene Methoden der Spiritualität. Wobei eben der Bezug zu Religion und Esoterik vorhanden ist.


@ sissipha: gerne können wird uns an dem Thema Liebe probieren, bin gespannt was dabei rauskommt ;)



Und nun noch meine Gedankenfrage zur Spiritualität in Bezug auf HS. Wenn Spiritualität im kurzen damit erklärt werden würde, dass es sich eben auf das Bewusstmachen bezieht, wir als HSPs ja alles intensiver fühlen, wahrnehmen, erfahren, spüren, bewusster erfahren, handeln, ist dann das Handeln oder Wirken von HSPs automatisch irgendwie spirituell oder spiritueller?


Übrigens finde ich auch Hermann Hesses „Siddhartha“ großartig in Bezug auf die Sinnsuche und damit verbunden vielleicht auch eine Erklärung der Spiritualität :-) :-) :-)

Euch allen einen schönen Abend noch _Mij_
und mein Leben ist sehrwohl ein Ponyhof...
... kann ich ja nix dafür, wenn das da draußen nicht wahrgenommen wird.
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Re: Wie geht Spiritualität im Alltag?

Beitragvon Anima (Lufthauch) » So 26. Aug 2018, 21:16

Hallo Hortensie,

oh je das stimmt: Begriffsklärung von „Spiritualität“ ist wirklich schwierig, obwohl das Wort allenthalben und kreuz und quer verwendet wird. So habe ich schon darüber nachgedacht, ob es sich dabei womöglich auch wieder nur um ein „soziales Konstrukt“ handelt?? _gruebel_

Nun, ich habe versucht, meine persönliche Annahme, dass es sich um eine ethisch begründete Lebensphilosophie ohne Glaubensansprüche handelt, vorauszuschicken und zu erläutern.

Und des Weiteren dachte ich mir, vielleicht kann man über meine Fragen zum Alltagsgebrauch von Spiritualität der Angelegenheit mglw. von verschiedenen Seiten näherkommen ...

(Du meintest wahrscheinlich fee mit dem Nachfragen? :-) )

Jedenfalls finde ich es irgendwie auch viel schöner, mich mit meinen Mitusern zu dieser Thematik – wie wird eine spirituelle Ethik im Alltag gelebt - verzweigter hier auszutauschen als Achtsamkeitsrezepte und -Tipps für den Alltag im Netz zu finden. – Und ja: deinen Begriff „Beseelte“ finde ich in diesem Zusammenhang auch sehr witzig und passend. icon_winkle _angel_


@ Sissipha:

sissipha hat geschrieben:Und jetzt zum Dilemma der Beweisführungen. Es gibt sie nicht... Schade...also doch wieder glauben????? (grins)


Ja, aber was mich an der beschriebenen spirituellen Herangehensweise, also der (aus)geübten Konzept-Verwerfung beeindruckt, ist, dass eben nicht der Anspruch auf Glauben gestellt wird, sondern der Schwerpunkt dabei sogar genau auf dem Nicht-Glauben (!) liegt.
Also: Ist das nicht im Grunde ein gigantisches Projekt des Anzweifelns, des Nicht-Wissens, des Nicht-Glaubens zum Erkenntnisgewinn?

Ja, das finde ich spannend, teilweise beängstigend und kein bisschen trivial! :-)

Ich schließe mich fee an (gerade noch kurz gelesen :-) ), und wünsche euch ebenfalls allen einen schönen Sonntagabend!

Anima
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Re: Wie geht Spiritualität im Alltag?

Beitragvon Jamania » Mo 27. Aug 2018, 13:56

Hallo zusammen,

ich hatte gar nicht vor, mich in diesem Strang aktiv einzubringen, weil ich mich eigentlich nicht auskenne mit Spiritualität.
Und dann habe ich das gelesen und gedacht: JA, das ist es !

Anima (Lufthauch) hat geschrieben:Ja, aber was mich an der beschriebenen spirituellen Herangehensweise, also der (aus)geübten Konzept-Verwerfung beeindruckt, ist, dass eben nicht der Anspruch auf Glauben gestellt wird, sondern der Schwerpunkt dabei sogar genau auf dem Nicht-Glauben (!) liegt.
Also: Ist das nicht im Grunde ein gigantisches Projekt des Anzweifelns, des Nicht-Wissens, des Nicht-Glaubens zum Erkenntnisgewinn?


In dieser Hinsicht würde ich mich tatsächlich mit dem Gedanken der Spiritualität anfreunden können, mich sogar selbst da einordnen.
Ich nehme an, dass es etwas hinter unserer Existenz gibt und beziehe das wohl mit in mein Fühlen, Denken und Tun ein.
Heißt: ich lebe also anders, als wenn ich glauben würde, dass es keinen höheren Sinn (vielleicht sogar eine höhere Macht) hinter unserem Leben geben würde.

Wo ich aber wieder aussteige, sind die menschlichen Konzepte, die sich daraus bilden, egal ob jetzt Geistseelen, Druiden, Wiedergeburt, Karma, usw....
Je detaillierter dieses "Wissen" sich mir präsentiert, desto schneller verliere ich das Interesse, desto weniger beeindruckt es mich.

Also Spiritualität ist für mich tatsächlich das Anerkennen des nicht-Wissens, aber des Annehmens, das hinter dem nicht-Wissen Sinnvolles liegt.

Ich würde das im gelebten Alltag nicht unbedingt daran festmachen, welche Ethik oder Moral ich entwickele, ich glaube, das wäre dasselbe, wenn ich glaubte Existenz wird zu Staub und das war's.
Aber in so Dingen wie Bindung und Verlust mache ich mir schon andere Gedanken und vielleicht Hoffnungen, die sich definitiv auf dem Modell der Spiritualität, also für mich der Sinnhaftigkeit begründen.

Sehr interessantes Thema wieder mal, das mich so wie es geführt wird, richtig gut abholt _rosegirl_
Viele Grüße,
Jamania
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Re: Wie geht Spiritualität im Alltag?

Beitragvon Anima (Lufthauch) » Di 28. Aug 2018, 20:32

Hallo guten Abend,

@fee :-)
fee hat geschrieben:@ Anima: du schriebst, wenn du fälsch lägest, solle ich das sagen. Ich finde, es gibt bei solchen Fragen kein Richtig oder Flasch!!

Ja, ich weiß wohl, dass für viele das Wörtchen „falsch“ in einem Diskurs so was wie ein Unwort ist. Aber warum denn eigentlich?

Mir macht das nichts aus, wenn man mir das sagt, denn ich gehe davon aus, dass ich bei solchen und anderen Fragen natürlich falsch liegen könnte. Nämlich: wenn ich z. B. einen logischen Denk-Fehler mache, oder wenn ich aus Mangel an Informationen oder an Wissen zu Schlüssen komme, die nicht stimmen. Oder wenn ich ohne Belege etwas als Faktum behaupte, ohne anzumerken, dass es sich jetzt dabei um meine rein subjektive Annahme handelt.
Und auf all so etwas lasse ich mich gerne hinweisen.
Das kann ich a) für mich wertfrei und unabhängig von meiner Person sehen oder b) vielleicht sogar „belehrend“ im allerbesten Sinne werten, da es mich ja auf neue, dann mglw. „richtige“ Gedanken bringt. (Die Hinweise kann ich selbstverständlich auch verwerfen, wenn sie dann selbst wiederum "falsch" nach den genannten Kriterien sind). – Also: nur zu!! U72(

fee hat geschrieben:Und nun noch meine Gedankenfrage zur Spiritualität in Bezug auf HS. Wenn Spiritualität im kurzen damit erklärt werden würde, dass es sich eben auf das Bewusstmachen bezieht, wir als HSPs ja alles intensiver fühlen, wahrnehmen, erfahren, spüren, bewusster erfahren, handeln, ist dann das Handeln oder Wirken von HSPs automatisch irgendwie spirituell oder spiritueller?

Das ist jetzt so ein Fall, denn diese Frage würde ich jetzt doch bereits im Ansatz als „nicht richtig“ (s. o.) sehen: in der Frage werden hier Behauptungen zu Fakten erklärt. - Es sei denn: gibt es Belege für diese beiden Annahmen a) es gibt so etwas wie HSPs und b) diese fühlen intensiver, erfahren bewusster usw.? - Wenn es dafür fundierte Belege gibt, von denen du Kenntnis hast, aber ich noch nichts weiß, ziehe ich meinen Einwand sofort zurück!

Aber aus dem heraus, was ich weiß, wäre deine Frage zwar vordergründig nicht unlogisch, aber sie ist nicht durch ausreichendes Wissen über die Prämissen gestützt. So würde ich bei meiner Antwort von vorneherein zu Fehlschlüssen bezüglich der Kombination "HSP+Spiritualität" gelangen und sie würde demnach zwangsläufig „falsch“ ausfallen, oder? _%_

Trotzdem danke für den Gedanken, wir sind hier ja schließlich in einem HS-Forum, da finde ich einen Bezug von HS-Annahmen zu jedem hier aufgebrachten Thema auch naheliegend.

@ Jamania :-)
Jamania hat geschrieben:Ich würde das im gelebten Alltag nicht unbedingt daran festmachen, welche Ethik oder Moral ich entwickele, ich glaube, das wäre dasselbe, wenn ich glaubte Existenz wird zu Staub und das war's.
Aber in so Dingen wie Bindung und Verlust mache ich mir schon andere Gedanken und vielleicht Hoffnungen, die sich definitiv auf dem Modell der Spiritualität, also für mich der Sinnhaftigkeit begründen.

Sinnhaftigkeit – eins meiner Lieblingswörter!
Aber auch gleichzeitig herausfordernd, nicht wahr? _gruebel_

Denn ich frage mich (und das jetzt erst mal unabhängig davon, ob ich die Staub-Perspektive oder die Perspektive eines höheren Zusammenhangs hinsichtlich unserer Existenz annehmen würde): Gibt es so etwas wie eine absolute, übergeordnete Sinnhaftigkeit in meinem/unserem menschlichen Leben? Und ist genau das die Spiritualität, die geübt und (auch im Alltag), ggf. mit Irrwegen und auch immer mal mit schlechten Gefühlen, gelebt werden muss?

Und wenn das nicht so wäre, wären Sinnhaftigkeitsmaßstäbe dann etwas, das allerwillkürlichster und x-beliebigster Auslegung anheimgegeben ist? Nämlich beispielsweise (schön klingenden) Worten, Glaubensgeboten, „sozialen Konstrukten“, (Selbst-)Täuschungen, Gleichgültigkeit usw.?

Keine Ahnung. - Was denkst du/ihr? _nüxweiss_

(Nebenbei: ich gebe zu, das Wort „absolut“ lässt mich reflexartig schaudern, aber das lasse ich jetzt auch einfach in diesem Zusammenhang mal zu. icon_winkle )

Viele Grüße an euch alle! :-)
Anima
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Re: Wie geht Spiritualität im Alltag?

Beitragvon Jamania » Mi 29. Aug 2018, 08:04

Hallo zusammen, :-)
Anima (Lufthauch) hat geschrieben: Gibt es so etwas wie eine absolute, übergeordnete Sinnhaftigkeit in meinem/unserem menschlichen Leben? Und ist genau das die Spiritualität, die geübt und (auch im Alltag), ggf. mit Irrwegen und auch immer mal mit schlechten Gefühlen, gelebt werden muss?

Das ist jetzt ein dicker Brocken _grinsevil_

Also erst mal: als soziales Konstrukt meine ich schon, dass der Begriff Spiritualität eine absolute übergeordnete Sinnhaftigkeit beschreibt, da schließe ich mich auch selbst mit ein.
Als reines Konzept gedacht eben.
Und als solches gehe ich als Mensch davon aus, dass ich es in meinem jetzigen Zustand nicht werde erfassen oder analysieren können.

Ich gehe weiterhin davon aus, dass ich als Mensch immer versuche Strukturen zu erkennen, Zusammenhänge zu bilden, Schlüsse zu ziehen, aus Häufigkeit Gesetzmäßigkeiten ableite und eben aus Willkürlichem versuche Sinn zu ziehen.
Das sind sehr nützliche Dinge, was das Alltagsleben und dessen Problemlösungen angeht.
Was das "Über"sinnliche angeht, habe ich da enorme Probleme mit, zum einen, weil die Überprüfbarkeit - im Gegensatz zum Alltagsleben - eben komplett entfällt
Und zum zweiten, weil u.U. viel gewichtigere Stellschrauben an so etwas hängen können.

Wie im Alltagsleben genauso gehe ich davon aus, dass all diese Mechanismen, die wir erlernen und nutzen, durchaus störanfällig sein können.
Also unser Gefühl kann genauso täuschen wie unser Verstand, die Schlussfolgerung kann fehlgeleitet sein, die Wahrnehmung gestört oder konditioniert.

Im Alltag lässt sich das oft überprüfen, beim Übersinnlichen geht das nicht, also darf jeder seine Fantasien ausleben wie er will.
Und das passiert nach dem Wegbruch der Religion, indem sich wieder neue Konstrukte gebildet haben, die mehrheitstauglich sind, wenn auch vielleicht nicht mehr so massentauglich wie Religon.

Und natürlich darf auch jeder seinen eigenen Zugang zur Spiritualität haben.
Und das finde ich gut!
Für mich ist das ein Bereich, in dem ich meine Fantasie einsetzen darf und ich verbiete mir nicht, Strukturen zu sehen oder Zeichen zu deuten, aber ich weiß einfach auch, dass es genau das ist und nicht mehr.
Ich persönlich fände es Hybris das mit Wahrheit zu verknüpfen und zu denken, ICH hätte jetzt den Draht nach oben.

Das ist auch im wesentlichen das, was mich an den ganzen Konzepten so abstößt.
Sie sind nicht spielerisch, es gibt kein "könnte-sein", sie beanspruchen alle wiederum die "Wahrheit" zu sein.
Und so machen sich ihre Anhänger automatisch zu denen, die die Wahrheit erkannt haben, weil sie höher entwickelt oder sensibler sind, weil sie auserwählt wurden oder schon halb vom irdischen Sündenpfuhl weg sind.

Viele Grüße, _Mij_
Jamania
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Re: Wie geht Spiritualität im Alltag?

Beitragvon Anima (Lufthauch) » Do 30. Aug 2018, 07:46

Hallo an alle, :-)
Jamania hat geschrieben:Das ist jetzt ein dicker Brocken _grinsevil_

Trotzdem coole Antwort. :-)

Der Anspruch, „die Wahrheit“ gepachtet, bzw. sogar als Eigentum zu haben?
Das ist ja wohl ein weit verbreitetes Phänomen. Manchmal werden Dinge einfach für wahr erklärt, ohne dass gesagt wird, dass das genauso unwahr sein kann, oder ohne dass ein Beweis für die angebliche „Wahrheit“ erbracht wird oder sogar im Gegensatz zu jeder Evidenz. Ist ja sehr bekannt so was.

Aber jetzt auch noch die „Wahrheit“ im Übersinnlichen?
Da frage ich mich zweierlei:
1. Wie genau soll das mit der Wahrheits-Findung denn hierbei funktionieren? Durch Erleuchtung, durch Erweckung, durch eine fortgeschrittene Entwicklungs-Meisterschaft oder einen geistähnlichen Blitzeinschlag?
2. Und vor allem: wie lässt sich das als Wahrheit Gefundene dann von Fantasterei, blinder Überzeugung, Suggestion bis hin zum Wahn unterscheiden?

Jamania hat geschrieben:Wie im Alltagsleben genauso gehe ich davon aus, dass all diese Mechanismen, die wir erlernen und nutzen, durchaus störanfällig sein können.
Also unser Gefühl kann genauso täuschen wie unser Verstand, die Schlussfolgerung kann fehlgeleitet sein, die Wahrnehmung gestört oder konditioniert.

Ja, so in der Art sehe ich das auch.
Und schon allein diese Skepsis sich selbst und seinen inneren Vorgängen gegenüber führt meines Erachtens genau zu dem inneren Abstand, oder wenn man so will „dem spirituellen Gewahrsein“ oder der „Beobachtung“, die mir dazu verhelfen, dem Nicht-Wissen und Nicht-Glauben Raum zu geben; nach dem Motto:
„Puh, was ist da denn mal wieder an interessanten, blöden, gruseligen, bizarren, nervigen, witzigen, wichtigen oder unwichtigen Spezeln durch mein Hirn gegeistert.“ - Da brauche ich doch diese Fantasterei, diese Illusionen und Gedankenwirbel nicht zu glauben, nicht für bare Münze nehmen und womöglich für die absolute Wahrheit halten.
Au weia, und da kann ich auf jeden Fall für mich sprechen: lieber nicht!! icon_winkle

Und trotzdem denke ich, dass es wohl oft nötig erscheint, sich mit Glaubens-Vorstellungen als einer „Wahrheit“ identifizieren zu müssen. Meine Annahme: Wenn innerer Halt/Autonomie fehlen, braucht man vielleicht haltgebende Strukturen, Regeln, „Erleuchtungen“ und Konstrukte. Schon allein aus Selbstschutz vor dem inneren Terror, oder auch aus Selbsterhöhung oder auch aus Selbststabilisierung der eigenen Gefühle von Schwäche und Angst. Das mag öfter ja wohl auch gelingen, zumindest kurzfristig. Ist halt vielleicht auch „ein Weg“.

Aber abgesehen von Hybris, ich denke außerdem, mentale Selbstsicherung aus Angst und Schwäche könnte letztlich zu einem erbittertem Ernst bis hin zu Aggression bei Bedrohungswahrnehmung führen.
Mir nicht so sympathisch, denn dabei hören dann halt leider doch schnell mal die von dir erwähnte Spielerei und das „Könnte-sein“ auf, und Spiel und Spaß werden „lästerlich“ oder als „böse“ gewertet. (Hat für mich auch nichts mehr mit meinem Verständnis von Spiritualität zu tun, nein, ist das Gegenteil von. _gruebel_ )

Liebe Grüße! :-)
Anima

P. S. Noch ein Zusatzgedanke:

Jamania hat geschrieben:Also erst mal: als soziales Konstrukt meine ich schon, dass der Begriff Spiritualität eine absolute übergeordnete Sinnhaftigkeit beschreibt, da schließe ich mich auch selbst mit ein.
Als reines Konzept gedacht eben.

Hältst du/haltet ihr es für möglich, dass man Sinnhaftigkeit (Spiritualität) auch aus der „Staub“-Perspektive (also ohne Konzept einer übergeordneten Sinnhaftigkeit) entwickeln kann??? (Meint vielleicht: abseits vom sozialen Konstrukt?)
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Re: Wie geht Spiritualität im Alltag?

Beitragvon Jamania » Sa 1. Sep 2018, 07:47

Hallo zusammen, :-)

Anima (Lufthauch) hat geschrieben:Der Anspruch, „die Wahrheit“ gepachtet, bzw. sogar als Eigentum zu haben?
Das ist ja wohl ein weit verbreitetes Phänomen. Manchmal werden Dinge einfach für wahr erklärt, ohne dass gesagt wird, dass das genauso unwahr sein kann, oder ohne dass ein Beweis für die angebliche „Wahrheit“ erbracht wird oder sogar im Gegensatz zu jeder Evidenz. Ist ja sehr bekannt so was.

_yessa_
Ja, aus vielerlei Gründen, Angst und Unsicherheit genauso wie Bequemlichkeit oder Unfähigkeit.
Jeder geht halt lieber über einen befestigten Weg als über einen, in dem man dauernd einbricht.

Anima (Lufthauch) hat geschrieben:1. Wie genau soll das mit der Wahrheits-Findung denn hierbei funktionieren? Durch Erleuchtung, durch Erweckung, durch eine fortgeschrittene Entwicklungs-Meisterschaft oder einen geistähnlichen Blitzeinschlag?

Gibt es sicher alles, aber ich vermute eben, dass die Selbstüberprüfung durch Bestätigung das gängige ist (eben dadurch, dass so vieles, z.B. in der Natur variabel zu deuten ist)
Dann werden eben die Dinge genommen, die passen, was weiß ich, der Vogel, der auf der Beerdigung gesungen hat und den man ab da überall hört und sieht... als Zeichen, dass eine Verbindung zum Verstorbenen da ist, die über den Tod hinaus geht.
Ein Phänomen, das beides zulässt - Hoffnung und Skepsis

Das schließt ja an deinen nächsten Punkt an:
Anima (Lufthauch) hat geschrieben:2. Und vor allem: wie lässt sich das als Wahrheit Gefundene dann von Fantasterei, blinder Überzeugung, Suggestion bis hin zum Wahn unterscheiden?

Es ist eben nicht möglich.
Aber jeder ist von sich selbst überzeugt, "richtig" zu denken, das "wahre" zu sehen und die korrekten Schlüsse zu ziehen.
Diese Grundeinstellung macht die Überzeugung erst möglich.
Wenn diese Grundeinstellung in Frage gestellt wird (auch von einem selbst), dann ist das alles nicht mehr so leicht möglich.

Und dann kommt man unweigerlich zu der Haltung, die du hier beschreibst:
Anima (Lufthauch) hat geschrieben:Und schon allein diese Skepsis sich selbst und seinen inneren Vorgängen gegenüber führt meines Erachtens genau zu dem inneren Abstand, oder wenn man so will „dem spirituellen Gewahrsein“ oder der „Beobachtung“, die mir dazu verhelfen, dem Nicht-Wissen und Nicht-Glauben Raum zu geben

Anima (Lufthauch) hat geschrieben:Und trotzdem denke ich, dass es wohl oft nötig erscheint, sich mit Glaubens-Vorstellungen als einer „Wahrheit“ identifizieren zu müssen. Meine Annahme: Wenn innerer Halt/Autonomie fehlen, braucht man vielleicht haltgebende Strukturen, Regeln, „Erleuchtungen“ und Konstrukte. Schon allein aus Selbstschutz vor dem inneren Terror, oder auch aus Selbsterhöhung oder auch aus Selbststabilisierung der eigenen Gefühle von Schwäche und Angst. Das mag öfter ja wohl auch gelingen, zumindest kurzfristig. Ist halt vielleicht auch „ein Weg“.

Ja, finde ich auch!
Aber es ist eben ein Unterschied, ob jemand das für sich alleine so entscheidet, sich auch nicht nehmen lassen will, aber im Gegenzug auch andere damit nicht belastet.
Dort, wo es nach außen getragen wird, wo mit mir diskutiert und ich überzeugt werden soll, ist der Ofen ganz schnell aus.
Dort, wo es Konzepte und soziale Konstrukte sind, gestehe ich zwar jedem zu, sich persönlich zu bedienen wie er möchte, würde aber trotzdem die Konstrukte als solches weiter skeptisch sehen und zwischen der persönlichen und übergeordneten Ebene immer trennen.
Anima (Lufthauch) hat geschrieben:Hältst du/haltet ihr es für möglich, dass man Sinnhaftigkeit (Spiritualität) auch aus der „Staub“-Perspektive (also ohne Konzept einer übergeordneten Sinnhaftigkeit) entwickeln kann??? (Meint vielleicht: abseits vom sozialen Konstrukt?)

Ich denke schon!
Es ist die Variante des "wir-haben-nur-dieses-Leben-danach-ist-nichts-mehr-also-müssen-wir-ihm-so-viel-Bedeutung-geben-wie-nur-möglich"
Ist ja auch Teil von vielen spirituellen Richtungen, Buddhismus z.B., aber wo nichts mehr kommt, greift die Notwendigkeit jeden Tag bewusst und gut zu leben und ihn mit Wissen, Inhalt und Erkenntnis zu füllen, eventuell dann besonders.
Kommt aber sicher auf den Menschentyp an, der mit dieser Haltung emulgiert.
Andere nehmen diese Grundhaltung als Legitimierung die Sau rauszulassen.

Viele Grüße, _Mij_
Jamania
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Re: Wie geht Spiritualität im Alltag?

Beitragvon Hortensie » Sa 1. Sep 2018, 11:00

Könntet ihr bitte beide - Anima und Jamania - an dieser Stelle eure Definitionen für

1.) Konzept und
2.) Konstrukt

definieren, damit ich weiß, wie ihr denkt bzw. ob es sich (für mich) lohnt, weiter mitzudiskutieren?

LG, Hortensie
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Re: Wie geht Spiritualität im Alltag?

Beitragvon Jamania » Sa 1. Sep 2018, 11:25

Hallo Hortensie,

persönliche Spiritualität für mich: jemand findet aus sich heraus Zusammenhänge und Gedanken, die auf eine höhere Ebene schließen

soziales Konstrukt: mehrere Menschen finden sich zusammen und denken dasselbe: z.B. dass es Kinder gibt, die nach ihrem Empfinden eindeutig noch mehr in einer anderen Welt verwurzelt sind und feinere Sinne haben als andere Kinder (Indigo-Kinder).
Innerhalb eines solchen Konstruktes werden dann Gedanken ausgetauscht, Ideen miteinander abgeglichen und festgestellt, dass man weitgehend gleich denkt.
Daraus wird dann oft der Schluss gezogen, dass man der Wahrheit näher ist, weil man ja nicht alleine daran glaubt - und somit täuschen könnte - sondern weil viele das gleiche denken.
Eine Überprüfung findet also nur durch den Abgleich statt und ist somit natürlich sehr störanfällig für psychologische Faktoren, die mit z.B. mit Gruppendynamik oder Massenphänomenen zu tun haben

Ein Konzept ist das, was der daraus macht, der es quasi-wissenschaftlich aufbereitet, der sich zur Autorität macht, Bücher schreibt, Kurse gibt, Informationen sammelt und aufbereitet, ich kenne mich da jetzt nicht so genau aus, würde aber behaupten, dass die Engelsthematik da einzuordnen wäre, Wiedergeburt mit Sicherheit auch

Das ist jetzt die scharfe Trennung der Definition zuliebe, aber ich glaube nicht, dass es sich so scharf trennen lässt.
Besonders persönliche Spiritualität kann sich ja durchaus bei den Ideen der sozialen Konstrukte und Konzepte bedienen, ohne dogmatisch die ganze Literatur dazu zu verfolgen.

Viele Grüße, _Mij_
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