„Wer lacht, hat noch Ressourcen“ und bei HS?

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„Wer lacht, hat noch Ressourcen“ und bei HS?

Beitragvon sol » Fr 4. Jan 2019, 15:37

Als ich den Spruch „Wer lacht, hat noch Ressourcen.“ als einen besonders perfiden Chef-Spruch mal erzählt bekam, blieb mir das Lachen fast im Halse stecken.

Der Spruch ist schon für „Normalos“ fies, aber für mich als HSP erst recht.

All die Jahrzehnte, während denen ich mich in der „Normalowelt“ dauerüberreizt und erschöpft durchkämpfte, wurde ich immer deshalb überschätzt und überlastet.

Ich bin mit meiner HS schnell zu begeistern und sehr humorvoll und liebe vieles, was ich täglich sehe, höre, spüre.

Darum bin ich, wenn ich nicht zu erschöpft oder gar depressiv vor Erschöpfung bin - und selbst dann im Vergleich - eine Frohnatur. Alles Erbe, mein Vater ist auch so.

Klar, dass alle Welt dachte: Die hat noch Ressourcen, ich verstand ja selbst nicht, warum nicht.

Ich verstand selbst nicht den Widerspruch, dass Genüsse und schöne Wahrnehmungen mich genauso überfluteten wie negative.

Irgendwann stellte ich bewusst meine Fröhlichkeit ein und hielt mich zurück, das nahm mir aber die letzte Kraft und Lebendigkeit.

Über Jahre schaffte ich es, mir selber und meiner Umwelt glaubhaft zu vermitteln, dass ich anders ticke und bei Lachen oft gar keine Ressourcen habe.

Zuvor aber fragte ich mich jahrelang ohne Wissen über mein HS, und ADHS selber, ob ich zur oberflächlichen Spaßfraktion gehörte, die nur Spaß und keine Anstrengungen will.

Ich frage mich, wieviele Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit HS deshalb das Lachen verlernen.
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Re: „Wer lacht, hat noch Ressourcen“ und bei HS?

Beitragvon Velvet » So 6. Jan 2019, 08:20

Hallo sol,

ich habe den Spruch noch nie gehört, finde seine Aussage nicht zutreffend und werde ihn wohl in den nächsten Minuten auch wieder vergessen haben.
Wenn ich dich richtig verstehe, rechtfertigst du dich, seitdem du diesen Spruch gehört hast, vor dir selbst und auch vor anderen dafür, dass du lachst und es Momente gibt, in denen es dir gut geht? Ich kann gar nicht nachvollziehen, warum du so einem sinnlosen Satz so viel Aufmerksamkeit und Bedeutung schenkst und seine Aussage so absolut setzt? So absolut, dass du deine Fröhlichkeit verlernt hast. Wem soll das denn einen Gefallen tun?

Es ist doch möglich, tieftraurig zu sein, aber dennoch etwas zum Lachen zu finden oder mit bestimmten Personen fröhlich zu sein. Ich muss doch niemandem einen Beweis mit meinem Verhalten liefern dafür, wie schlecht es mir geht, wenn es das tut. Ich weiß doch selbst am besten, wie es mir geht und wenn ich lachen kann, dann lache ich.

...vielleicht verstehe ich dein Anliegen aber auch völlig falsch.

Viele Grüße
Velvet
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Re: „Wer lacht, hat noch Ressourcen“ und bei HS?

Beitragvon sol » So 6. Jan 2019, 17:39

Hallo Velvet,

der Spruch ist aus einer Sammlung von Sprüchen neoliberaler Chefs, die ihre Mitarbeiterinnen nur als Arbeitsressourcen betrachten.

Da wir in meinem Umfeld in der Hinsicht schon so manche Stilblüte erlebt haben, kam eben dann mal dieser Spruch dazu.

Wahrscheinlich hätte ich ihn allein schon behalten, weil er realsatirisch so gut ist, aber er traf auch noch völlig unerwartet den Kern eines ganz anderen individuellen HS-Dilemmas bei mir:

Mit meiner HS nehme ich sowohl vergleichsweise zu meinem Normalo-Umfeld viel mehr negative als auch positive Reize im Alltag wahr, das heißt, ich bin genauso überreizt und erschöpft wie begeistert und fröhlich.

Kam ich schon die Jahrzehnte vor meinem sicheren Wissen über HS und ADHS selber nicht damit klar, mich gleichzeitig schmerzhafst überstresst innerlich zu fühlen und begeistert und fröhlich, so konnte mein Umfeld das natürlich auch nicht im Geringsten ahnen.

Meine Fröhlichkeit, die größer ist als die der meisten Erwachsenen um mich herum, zog die Leute an, sie dachten, da steckt ein Flow oder eine Kraftquelle dahinter, ich hatte andauernd Projektangebote, aber das Gegenteil steckte kräftemäßig bei mir dahinter.

Erst als ich über HS und mein ADHS Wissen bekam und auch meinem Umfeld mitteilen konnte, verstanden wir das alle.

Und der Versuch mal zwischendurch, meine Fröhlichkeit zu dimmen, dimmte dann eben auch meine Lebendigkeit, den Versuch gab ich schnell wieder auf.

Dieses Dilemma besteht nicht mehr, aber es war Jahrzehntelang da und erschien mir selber lange paradox.
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Re: „Wer lacht, hat noch Ressourcen“ und bei HS?

Beitragvon Velvet » So 6. Jan 2019, 22:43

Hallo sol,

vielen Dank, dass du es nochmal erklärt hast :)

Ich verstehe jetzt besser, warum der Spruch für dich diese Bedeutung hat und wofür er steht in deinem Leben.

Mir sind öfter Menschen begegnet, die ihre Traurigkeit und Schwermut versucht haben, mit Fröhlichkeit und Lebendigkeit zu überspielen, dies also eher eine Maske war denn ein wirklich inneres Empfinden, so wie du es von dir beschreibst. Deine Erklärung dafür finde ich einleuchtend und ich kann mir gut vorstellen, dass dies eine schwierige Zeit war. Um so schöner, dass du diesen Konflikt in dir lösen konntest.

Alles Gute weiterhin,
Velvet
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Re: „Wer lacht, hat noch Ressourcen“ und bei HS?

Beitragvon sol » Mo 7. Jan 2019, 09:01

Hallo Velvet, danke! :-)
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