Balth und die Angst

Hallo, gut dass du hier bist - wir sind schon neugierig auf dich!

Moderatoren: Hortensie, Eule, jules1976

Balth und die Angst

Beitragvon Balth » Do 17. Okt 2013, 15:09

Guten Tag an die Gemeinschaft!

Zunächst einmal: Obwohl ich mich immer für einen recht interessierten Menschen gehalten habe, was die Welt und psychische Eigenheiten im Besonderen angeht _läch_ , habe ich erst vor einer Woche von dem Phänomen Hochsensibilität erfahren. Meine Psychologin hat gemeint, dass ich daran leiden könnte. Und ich sage bewusst 'Leiden', da ich mir den Schmerz anderer wirklich zueigen machen und es nicht ertragen kann, wenn es jemandem schlecht geht oder er Ungerechtigkeit erfährt.
Bin jetzt 28 Jahre alt und habe solange ich mich zurückerinnern kann Depressionen, war deswegen auch schon länger in der Psychiatrie und nehme sowohl Anti-Depressiva als auch Schlaftabletten. Mein Problem ist, dass ich sehr viel in alle möglichen Situationen hineininterpretiere und fast ausschließlich Schlechtes. Wenn ich an irgendetwas denke, sehe ich eigentlich nur die Gefahren, die mit der Sache verbunden sind, ob das nun Autofahren oder beispielsweise ein Treffen mit Bekannten ist. Zwar ist es mir möglich zu arbeiten, allerdings verlasse ich ansonsten eigentlich nicht mein Zimmer im Haus meiner Eltern, bin also sehr isoliert, da mir die Welt zu viel Angst macht. Die Angst lähmt mich regelrecht und ich bin kaum in der Lage, mich irgendwie abzulenken. Es überrascht mich immer, wie Leute lächeln oder unbeschwert sein können, wenn es 'da draußen' so viele Gefahren gibt.
Es ist mir fast unmöglich, Zeitung zu lesen, oder im Internet auf Zeitschriftenseiten zu surfen (Spiegel, SZ, etc.), da mir schlechte Nachrichten sehr nahe gehen. Am meisten macht mir aber schon lange das Thema Kriminalität zu schaffen. Ich muss sagen, ich bin nie selbst Opfer von Gewalt geworden und lebe in einer Gegend, die sehr ruhig ist, und trotzdem fühle ich mich, als würde ich Mitten in einem Süd-Amerikanischen Favela hocken, umgeben von Straßengangs und Mafia-Clans. Ich versuche diesem Thema konsequent aus dem Weg zu gehen, aber manchmal bekomme ich zwangsläufig Meldungen über Gewalt mit und dann versuche ich mich immer zu besänftigen (z.B. mit der Verbrechensstatistik, die sagt, dass in Deutschland in den letzten Jahren jeweils 'nur' knapp 400 Menschen umgebracht werden), aber das hilft nicht. Wenn ich durch eine Stadt/ein Dorf mit dem Autofahre, vermute ich hinter jeder Hausfassade potenzielle Schläger, Vergewaltiger, Raubmörder. Es ist teilweise wirklich absurd. Gerade sitze ich wieder hier, zittere, versuch mich mit Sitcoms abzulenken, hab ein Grummeln im Bauch und traue mich kaum, zu atmen, geschweige denn, irgendwem gegenüberzutreten, weil ich so schwach bin.
Werde Anfang nächsten Jahres wohl auch wieder in die Psychiatrie gehen, aber im Moment bin ich wirklich ratlos.
Es gibt auch eine lustige Seite an mir (die sich leider immer mehr verkriecht), deswegen hoffe ich, den ein oder anderen Thread auch positiv beleben zu können.

Liebe Grüße
Balth
 

Re: Balth und die Angst

Beitragvon HSM_HeartSoulMind » Do 17. Okt 2013, 22:40

Lieber Balth,

Ich möchte dir sagen, dass ich _mit dir fühle_, dich verstehe und _für mich persönlich_, aber sicherlich auch für einige andere sprechen kann, wenn ich dir bestätige, dass Du NICHT vollkommen ALLEIN mit deinen Ängsten, Gefühlen, Gedanken, mit deinem Leiden bist.
Ich bin selbst erst seit wenigen Tagen Teil dieses Forums und habe somit nicht viel Erfahrung vorzuweisen, aber eines glaube ich fest: Es ist etwas Gutes, dass Du und ich diesen Schritt gemacht haben und dass Du diese Worte mit einer (noch so fremden) Gruppe von Menschen geteilt hast. Denn ich weiß, dass dies unmenschlich schwer sein kann - besonders, wenn die Angst davor, dass daraus etwas Schlechtes entsteht, so schwer auf dem Herzen wiegt.
Doch auch nach ein paar Tagen werde ich meinen ersten Gedanken nicht los: "Hier kann mir nur geholfen werden". Und ich denke das gilt auch für dich.

Vielen Dank, dass Du dich uns mitgeteilt hast und als Neuling wie Du - womit wir eine weitere Gemeinsamkeit haben - heiße ich dich hier herzlich willkommen und wünsche dir alles Gute!

~

Zunächst einmal: Wenn deine Psychologin dir zum Thema "Hochsensibilität" gesagt hat, dass Du daran leiden kannst, liegt sie womöglich richtig. Doch viel wichtiger: Hat sie dir auch gesagt, dass Du gerade den unsichtbaren Schleier bisher un(be)greifbarer Wesenszüge tief in dir gelüftet und den Blick auf eine wundervolle Vielzahl an offenen, unerfahrenen Wegen in eine bessere Zukunft geebnet hast?
Vermutlich nicht. Vermutlich weiß sie selbst zu wenig über dieses Thema, welches man doch aufgebaut und angeschaut in all seinen Fassaden nur verstehen kann, wenn man selbst als Mensch Teil davon ist. Doch solche Menschen hast Du jetzt hier gefunden!

Ich kann dir nichts versprechen, doch ich denke, umso bewusster Du dir deiner Sensibilität und ihrer Bedeutung werden wirst, umso mehr und umso klarer wirst Du dich auf einer neuen Kreuzung voller altbekannter Wege wiederfinden, die dir alsbald in vollkommen neuem Licht erscheinen und dich Ereignisse verstehen lassen werden, die früher nie solchen Sinn ergeben _konnten. Und Du wirst feststellen, dass es nicht nur die Welt ist, die so wundervoll und interessant scheint und leuchtet, mit all ihren psychischen Eigen- und Besonderheiten, sondern auch DU. Dass Du eine solch wunderbare und individuell, ja wirklich einzigartige Welt in dir trägst, die es mehr als nur Wert ist, sich mit der Welt da draußen auszutauschen! Neue Erfahrungen von draußen hinein zu lassen, auch, wenn sie Angst auf ihren Schultern mit sich tragen!

Ich kann dir hier keine Lösung mitgeben, möchte dir aber von mir selbst erzählen, damit Du die Möglichkeit bekommst zu verstehen, dass DU verstanden wirst.

~

Sicherlich habe ich nicht das Gleiche erlebt wie Du. Sicherlich kenne ich dich nicht, sondern nur deine Worte, die nur ein mit dem Auge kaum erfassbar kleiner Teil von dir sind. Doch ich finde mich in diesen Worten wieder. Denn AUCH ICH konnte und kann auch heute oft nur das Schlechte in der Welt und in mir sehen.
Als Kind habe ich nie verstanden, was in meinem Kopf vor sich ging. Manchmal glaube ich, dass sich das Ganze mit der sicherlich geschwundenen Fantasie verändert – um nicht gleich zu sagen "verbessert" hat.
Ich erinnere mich noch, wie wir jeden Sommer mit der Familie in Urlaub, mit dem Wohnwagen gefahren sind und ich so Panik hatte. "Das Auto wird einen Fehler haben. Irgendwas werden wir vergessen haben. Wir werden vielleicht auch einfach nur Pech und letztlich einen Unfall haben." Ich weiß noch, wie ich den anderen Kindern immer aus Angst, nicht dazu gehören zu können, gefolgt bin, bei allem, weil diese Angst doch kleiner war, als jene Vorstellungsängste. Vorstellungen, kunterbunter, mich terrorisierender Farbenpracht, echter als die Realität, in denen ich schon so oft verletzt oder gestorben bin. So oft bin ich von Brücken und Geländern gefallen, die andere mühelos an ihrem Angstbewusstsein vorbeibalancierten. So oft bin ich eingeknickt zwischen den Stufen von Treppen, bin überfallen worden von Fremden, die es nie gab. Mir hat nie jemand beigebracht, mich davon fernzuhalten und so war die einzige Lösung, es einfach trotzdem zu tun. Man durfte ja nicht so sein.
Heute weiß ich, dass mir diese eine (negative) Sache geholfen hat und es hilft immernoch.
Doch es war nicht leicht, denn mein Vater war genauso - wenn es vollkommen nach seinen Ängsten gegangen wäre, wären meine Kleider aus Watte und Plastiksicherheitsfolie, mein Leben aus einer möglichst gemütlichen, mich wärmenden Gummizelle gewesen.
Er hatte solch eine Angst um mich, dass es mir selbst manchmal das Herz herausgerissen hat, wenn ich – nachdem ich einmal verloren gegangen war – zurück in seinem Armen seine Angst an meinem Körper vibrieren spüren konnte. Angst, die dann zu meiner wurde.
Denn keine Angst zu haben, war nie eine Option.

Jedoch... Ich befasse mich erst 1 oder 1 ½ Jahre bewusst mit der Hochsensibilität, 2 Jahre dauert bisher die Psychotherapie und ich spüre, ich bin mehr Herr meiner Ängste als je zuvor. Ich besitze keinen Fernseher, kein Radio, ich weiß nichts über Politik oder das Leiden in der Welt, weil ich auch heute noch keinen Weg gefunden habe, mit all diesen Dingen umzugehen.

Doch der einzig wahre Grund, der mir geholfen hat, wohnte nicht in der Therapie - sondern in mir. Und er trat ans Tageslicht, als ich einen Menschen traf, der mich nun begleitet. Einen Menschen, von dem ich bis dato dachte, es gäb ihn nicht. Ein zweiter Alien meiner Art, auf diesem bis dahin gr.auen Planeten. Heute weiß ich, dass da noch mehr Aliens sind, und sie finden zusammen.


Manche davon... schreiben in Foren...


~


Gib nicht auf.
HSM_HeartSoulMind
 

Re: Balth und die Angst

Beitragvon originalC » Fr 18. Okt 2013, 09:23

Hallo Balth,

Herzlich willkommen hier im Forum! Schön, dass du dich getraut hast!!!

Dem Beitrag von HSM kann ich nichts mehr hinzufügen. So wundervoll auf den Punkt gebracht! Danke HSM auch für deinen Einblick in dein Leben!

Fühl dich ganz zu Hause!

Liebe Grüße oC
Manchmal muss man sich seine Gedanken einfach aus dem Kopf schütteln!!! _headbang_
originalC
u.n.e.n.t.b.e.h.r.l.i.c.h.
 
Beiträge: 1187
Registriert: Di 9. Jul 2013, 08:20

Re: Balth und die Angst

Beitragvon Balth » Sa 19. Okt 2013, 16:10

Vielen Dank euch beiden für die liebe Begrüßung iwikx

Besonders dir natürlich, HSM, aus dem Grund, den OC schon genannt hat: Weil du den LEuten euch an deiner Geschichte teilhaben lässt! Toll!
Balth
 



Ähnliche Beiträge

Angst
Forum: Hochsensibilität Allgemein
Autor: mika1983
Antworten: 4
Soziale Phobie & Angst vor Nähe
Forum: Hochsensibilität Allgemein
Autor: Schokokuchen
Antworten: 10
Hochsensibilität vs. Symptome von Angst-Störungen
Forum: Hochsensibilität Allgemein
Autor: Anonymous
Antworten: 1

Zurück zu Vorstellungsrunde

Wer ist online?

0 Mitglieder

cron