Der nächste bitte!

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Der nächste bitte!

Beitragvon Accelerando » Fr 5. Jun 2015, 19:27

Hallöchen,

ich möchte gerne ohne große Vorrede ins Thema einsteigen.

Durch reinen Zufall bin ich vor wenigen Wochen auf unser gemeinsames Thema aufmerksam geworden. Nachdem ich mich ausführlicher informieren durfte und die üblichen Tests mit teilweise erschreckend hohen Punktzahlen absolviert habe, bin ich zur Zeit noch sehr davon überwältigt, dass es scheinbar doch Menschen zu geben scheint, die mich verstehen könnten. Zumindest möchte man mich das glauben machen :) Ich beginne gerade zu erahnen, dass dies vielleicht die wichtigste Erkenntnis meines bisherigen Lebens werden wird.
Ein wenig zu mir. Ich bin 28 und erfülle die Klischees der Hochsensitiven zu nahezu 100 %. Mir war mit spätestens 10 Jahren klar, dass ich einmal Physiker werden möchte, was ich auch wurde. Heute arbeite ich nach meiner Promotion weiter in der Forschung und habe dem großen Geld der freien Wirtschaft mit Freude entsagt. Ein Verständnis für die Naturwissenschaft und die damit einhergehende Logik und Intuition für die Natur sind mir angeboren. Im Studium hatte ich oft den Eindruck meinen Kommilitonen im Verständnis einen Schritt voraus zu sein. Darüber hinaus bin ich begeisterter Musiker, spiele drei Instrumente und war zu Spitzenzeiten, vor meinem Umzug in eine neue Stadt, in fünf bis sechs Orchestern gleichzeitig tätig... das wird auch wieder :)
Meine Hochsensitivität äußert sich in hohem Maße im emotionalen und zwischenmenschlichen Bereich, im akustischen aber auch im optischen. Aber der Reihe nach. Dass ich sehr stark auf die Gefühle und Verhaltensweisen anderer Menschen reagiere, war mir schon bewusst solange ich zurückdenken kann. Dass nicht jeder Mensch so fühlt, musste ich dann in der Pubertät teilweise schmerzlichst erfahren. Spätestens seit dieser Zeit ist mir bewusst, dass ich in so ziemlich jeder Hinsicht anders ticke, als die berühmten normalen Menschen. Insbesondere die Bedrückung, die ich in großen Menschengruppen empfinde, macht es mir sehr schwer, neue Kontakte zu knüpfen oder alte Kontakte zu pflegen. Mein Freundeskreis ist daher sehr überschaubar, die Intensität der Freundschaften dafür umso stärker.
Bis vor wenigen Wochen war ich der Überzeugung, dass ich aus unerklärlichen Gründen ein Mensch zu sein scheine, der sich vom gängigen Standard so sehr unterscheidet, dass man mit seinen Mitmenschen auf keinen gemeinsamen Nenner kommen kann. Das hat die schmerzliche Folge, dass ich seit meiner Jugend ausschließlich Unglück in der Liebe erfahren musste. Stimmt nicht ganz, eine Freundin hatte ich schon, die Beziehung scheiterte allerdings am vollständigen gegenseitigen Unverständnis, was ich mir selbstverständlich mit dem jetzigen Wissen rückblickend erklären kann. Ich war in meiner Jugend der typische Außenseiter auf Parties, die ich heute meide, der in der Ecke steht, während der Rest lautstark feiert.
Der Gipfel war vor einigen Jahren erreicht, als mir eine Frau wörtlich ins Gesicht sagte, ich sei zu nett für eine Beziehung. Nach diesem Satz habe ich den Glauben an die Menschheit fast verloren. Generell habe ich bis heute immer den Eindruck gehabt in Freundschaften mehr zu investieren als die Gegenseite. Ich beginne gerade zu verstehen und meinen Groll und die Enttäuschung diesbezüglich abzubauen.
Jetzt muss ich aufpassen, dass das hier kein Buch wird. Ich hoffe, hier - vielleicht zum ersten mal - auf Verständnis zu stoßen und Erfahrungen austauschen zu können.

Der Nächste bitte!
Accelerando
 

Re: Der nächste bitte!

Beitragvon Kleeblatt » Fr 5. Jun 2015, 20:59

Herzlich willkommen und viel Spaß beim Einlesen.
"All animals are equal. But some animals are more equal than others."
George Orwell
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Re: Der nächste bitte!

Beitragvon john-o » So 7. Jun 2015, 10:23

Hallo Accelerando,

willkommen hier im Forum.

Was Du schreibst, besonders die Beschreibung im letzten Abschnitt Deines Posts (... zu nett für eine Beziehung...etc.) verstehe ich sehr gut. Als ich jünger war (bin jetzt jenseits der 60 Jahre) habe ich solches mehrfach erlebt, konnte es damals auch nicht verstehen.

Soweit ich das inzwischen zu verstehen glaube, hat die Sache vielleicht zwei sich ergänzende Hintergründe:

- im allgemeinen findet beim Kennenlernen von Frau und Mann ein gegenseitiges Rollenspiel statt, das funktioniert (in allen Varianten) sehr oft (was später daraus wird, ist eine andere Sache); ein HSP-Mensch kann das nicht so gut, da er oft - so glaube ich - ein chronischer Wahrheitssucher und gewohnheitsmäßiger "in-die-Tiefe-Denker" ist - das "Schauspielerische" der Sache ist ihm fremd...

- durch die Grundhaltung der Empathie, geradezu der Sucht (böser Ausdruck, Entschuldigung an alle), auf die Person der anderen einzusteigen, und aus dem Wunsch nach weiblicher Nähe (vornehmer Ausdruck) vergisst man die Abgrenzung und "Darstellung" seiner selbst; andere Menschen (nicht nur Frauen) halten einen dann, weil man "zu freundlich" ist, für einen sogenannten "Softi" oder ein "Weichei" - und nicht für eine sogenannte Beziehung geeignet, weil sich derselbe "nicht durchsetzen kann" und deshalb partiell "lebensuntauglich" zu sein scheint.

Insofern muss man vielleicht lernen - auch wenn einem das eher blöd vorkommt, in bestimmten Situationen ein biss-chen "auf den Putz zu hauen", damit der Normal-nicht-HSP-Mensch auch was mitkriegt (kleine böse Ironie am Rande).

Was halt leider bleibt, ist das Problem an sich, auch wenn man es "rational" soweit kapiert hat, und ich habe dieses Problem "zu freundlich/empathisch" immer noch, wenn ich dem auch nicht mehr so ausgeliefert bin. Vielleicht ist das auch gar kein "Problem" an sich, das Problem entsteht aus der Fehleinschätzung der anderen...

Herzliche Grüße, john-o
john-o
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Re: Der nächste bitte!

Beitragvon Accelerando » So 7. Jun 2015, 21:40

Hallo john-o,

vielen Dank für deine netten Worte. Ich glaube, du bringst es auf den Punkt. Insbesondere die Sucht nach Wahrheit und Aufrichtigkeit verbietet es mir, mich ins Rampenlicht zu stellen und mich zu präsentieren.
Ich hätte allerdings auch ein sehr unglückliches Gefühl, wenn ich mich verstellen würde, um ans Ziel zu kommen. Ich würde mich selbst als Lügner sehen und die Beziehung, die daraus erwächst, warhscheinlich als unecht oder falsch auffassen. Ich hoffe ja inständig, dass man mich meiner selbst willen schätzt und nicht, weil ich mich an die Erwartungen der Gesellschaft anpassen kann.

Viele Grüße.
Accelerando
 



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