Gelandet

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Gelandet

Beitragvon Sinnesfunken » Fr 14. Apr 2017, 13:52

„Immer heulst du gleich, du willst doch nur Mitleid.“ Ich drehe mein Gesicht weg und versuche mit aller Kraft, die Tränen zu unterdrücken. Klappt leider nicht, also bin ich doch wieder die Heulsuse. Was würde ich dafür geben, meine Gefühle unterdrücken zu können, nicht mehr meine Eltern zu nerven und von meinen Mitschülern belächelt zu werden, endlich von den Mädchen gesehen zu werden und zwar nicht als der weinende Junge. Wünsche, die mich durch meine Kindheit begleiteten.
Die Pubertät setzt ein, ich möchte doch nur gemocht werden und natürlich passiert das Gegenteil. Der erste Wendepunkt: Ich akzeptiere die Einsamkeit. Es zählt nur noch was ich für richtig empfinde, wenn die Konsequenz heißt, allein zu sein, dann ist das eben so. Emotionen überwältigen mich trotzdem noch viel zu häufig. Doch langsam kann ich die Kraft der Gedanken nutzen. Ich stelle mir immer wieder die Frage, was Gefühle eigentlich sind und beantworte sie mir mit „Gehirnchemie“, nichts als Blitze und Chemikalien im Gehirn. Eine ziemlich unromantische Vorstellung, die mir doch in den darauffolgenden Jahren (und auch noch heute) häufig half, nicht den Boden zu verlieren.
Aber irgendwie reichte mir die Antwort „Gehirnchemie“ nicht mehr, ich wollte es genauer verstehen. Also beschäftigte ich mich circa fünf Jahre intensiv mit Neurologie inklusive einiger Selbstversuche. Ich kann mir meine Gefühle immer besser erklären, meine so langsam zu verstehen, wie ich funktioniere. Das einzige, was mich wundert, mein Umfeld oder andere Personen sind daran nicht so interessiert, können meine Begeisterung für Erkenntnisse nicht teilen. Geht es ihnen nicht so? Geht es nicht allen Menschen so, schließlich fühlen wir doch alle? Egal, dann eben nicht.

Wer war ich vor drei Monaten? Männlich, Mitte 30, seit über einem Jahrzehnt im Berufsleben angekommen, meine Gefühle kann ich meistens gesellschaftskonform im Griff halten (außer bei Filmen, da heule ich immer noch sofort los). Doch bin ich kein typischer Mann und habe einige „gesellschaftliche Macken“: Ich habe hauptsächlich weibliche Freunde, interessiere mich nicht für Autos, Sport oder Tiere töten, esse ungern Fleisch. Ich treffe mich zwar gerne mit Menschen, aber nur eins zu eins. In Gruppen gibt es mir zu viel oberflächliches Bla. Der Fernseher ist mir zu hell, die Kopfhörer meines Kollegen zu laut und viel zu viel Gerüche sind zu intensiv. Na gut, irgendwie müssen wir uns voneinander unterscheiden. Andere Erklärungen hatte ich für mein „Anderssein“ nicht.

Vor zwei Monaten war es dann soweit. Ich nenne es mal die Erkenntnis-Klatsche direkt ins Gesicht, oder besser gesagt, in den Verstand: Ich war beruflich in einer anderen Stadt und wartete am Flughafen auf meinen Rückflug. Auf mein Buch hatte ich gerade keine Lust und ich bin kein wirklicher Freund von dieser Handywischerei. Also schlenderte ich ich in den Zeitungsladen und holte mir aus oben genannten neurologischem Interesse eine „Spektrum der Wissenschaft Gehirn & Geist“ ohne dem Titel „Hochsensibel – Forscher streiten über ein Persönlichkeitsmerkmal“ groß Aufmerksamkeit zu schenken. Erst mal las ich die kleinen überschaubaren Artikel, checkte irgendwann ein und fand mich in einem vollbesetztem Billigflieger auf einem Mittelplatz wieder. Die Maschine beschleunigt, hebt ab, das Anschnallzeichen geht aus, ich schlage das Heft auf, lese den Leitartikel und BAMM! Da ist es, eine Beschreibung meiner ganzen „Macken“, die Erklärung, warum ich so anders bin. Die Antwort, die ich seit meiner Pubertät suche und nicht mehr damit gerechnet habe, sie so deutlich zu finden. Kann das sein, dass ich mich seit Jahren mit Neuroforschung beschäftigt, wissenschaftliche Studien teilweise durchgearbeitet, mir dafür ein Fachwissen, weit weg von meinem sonstigen Wissen, angeeignet habe ohne über den Begriff Hochsensibilität zu stolpern. Anscheinend schon.
Das Flugzeug landet. Ich steige etwas paralysiert aus, fahre nach Hause, lass es sacken und fange an zu grob zu recherchieren, mache einige der Tests und realisiere, ich bin hochsensibel. Der darauffolgende Tag war Tag eins, der erste Tag eines Lebens mit neuer Perspektive.

Wer bin ich heute, mit dieser neuen Perspektive? Die Erkenntnis, eine extravertierte HSP zu sein, ist momentan für mich schon eine Erleichterung. Erstens erklärt es meine teilweise ambivalente Persönlichkeit und die genannten „gesellschaftlichen Macken“, die ich nun nicht mehr als Macken wahrnehme. Zweitens kann ich mit meiner Umwelt wesentlich entspannter umgehen, denn nun ist mein Sitznachbar in der SBahn nicht mehr der ignorante Arsch, der rücksichtslos die Lautstärke auf den Kopfhörern aufdreht, sondern ich bin einfach etwas empfindsam. Und drittens fange ich endlich an zu akzeptieren, dass ich manche Dinge besser wahrnehme als andere.
Ich weiß, ich stehe noch ganz am Anfang und ich bin gespannt wo mich diese neue Richtung hinführen wird. Ich habe die Hoffnung, dass ich noch einiges Positives neu entdecke und nicht so viel Negatives, schließlich haben mich die Zweifel schon mein Leben begleitet. Was nicht heißt, dass all das Negative verschwunden wäre.

Schön, euch gefunden zu haben und danke für's lesen.
Sinnesfunken
 

Re: Gelandet

Beitragvon john-o » Fr 14. Apr 2017, 16:44

Hallo Sinnesfunken,
willkommen in diesem Forum. Da wirst Du einiges zu lesen haben...

Glückwunsch zum - vielleicht - frühen Zeitpunkt der Erkenntnis Deiner HSP-Eigenschaften. Natürlich ist die Zeit von der ersten Wahrnehmung, dass man irgendwie anders ist als andere bis zum 30. Lebensjahr lang genug, aber ich selbst habe das erst mit knapp 60 Jahren realisiert...

Das "die Dinge verstehen wollen" teilen hier im Forum viele. Ich selbst mag sehr gerne das Zitat von Marie Curie (sinngemäß): "Man muss nur alles verstehen, dann hat man im Leben nichts zu fürchten".

Die Haltung werden wir nie los...

Herzliche Grüße, John-o
john-o
Neuling
 
Beiträge: 19
Registriert: Mo 1. Jun 2015, 16:28

Re: Gelandet

Beitragvon Ringelblume100 » Fr 14. Apr 2017, 17:18

Hey Sinnesfunken,

ganz toll geschriebene Vorstellung.
Herzlich Willkommen!

Liebe Grüße
Ringelblume
Ringelblume100
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Registriert: Di 10. Mai 2016, 16:49

Re: Gelandet

Beitragvon Pferdefreundin » Fr 14. Apr 2017, 23:32

Hallo Sinnesfunken.
Ich habe deinen Text gerade zu verschlungen. Obwohl ich tot müde bin. _thum_
Aber du hast alles so spannend geschrieben. Ich konnte alles total nachempfinden. smasz

Freue mich schon auf noch mehr Texte von dir. _roseboy_ dänce

Gehe jetzt aber erstmal schlafen. _müh_
_Mij_
Auf der Suche nach Gesundheit. smitanc
Nicht mehr in der Lage zu meditieren. _%_
Wenn der Körper Mitsprache-Recht fordert. smab

LG
Eure Pferdefreundin

274 Punkte, INFJ Typ
Pferdefreundin
Gold Member
 
Beiträge: 254
Registriert: So 12. Mär 2017, 07:57
Wohnort: Neustadt

Re: Gelandet

Beitragvon Sinnesfunken » So 16. Apr 2017, 20:25

john-o, danke für’s willkommen heißen und die Glückwünsche. Ja, ich bin auch recht froh, die HSP-Eigenschaft recht „früh“ zu realisieren, um genau zu sein mit 34. Es sind jetzt schon so viele Momente, die ich gerade noch mal Revue passieren lasse und die in einem anderen Licht erscheinen. Wie viele müssen es wohl bei dir gewesen sein.
Das Zitat ist sehr schön. Ich mag es, vor allem seine Vielschichtigkeit.
Wobei ich für mich inzwischen versuche, das „die Dinge verstehen wollen“ zu dämpfen, nachdem sie sich die letzten Jahre die Erkenntnis breitgemacht hat, dass mit jedem Verstandenen mindestens doppelt soviel neue Fragezeichen aufkommen. Hat etwas von „Sisyphos kämpft gegen die Hydra“.

Vielen Dank für die lieben Grüße und das herzliche Willkommen, Ringelblume.

Hallo Jasmin, danke für das schöne feedback. Ich freue mich auch sehr darauf, mich mit euch auszutauschen.
Wobei ich zumindest momentan noch etwas auf den geschlossenen Bereich warte. Öffentlichkeit hemmt bei den ganz tiefen Themen doch etwas. Ich finde die Regel mit den 30 Beiträgen gut und richtig und mir würde auch keine bessere Lösung einfallen. Trotzdem ist es schon ein bisschen ironisch, dass man in einem HS-Forum sich erst mal mit „Smalltalk“ beweisen muss. Ich werd’ mein Bestes geben. Gute Nacht!

Oder einfach noch
Frohe Ostern!
_möh_
Sinnesfunken
 



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