Ich reih mich mal ein...

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Ich reih mich mal ein...

Beitragvon Taurus » So 2. Nov 2014, 13:04

Hallo liebe Forumsmitglieder,


Ich bin 47 und weiß erst seit dem Sommer diesen Jahres von dem, was mich mein Leben lang begleitet, mir das Leben oft schwer gemacht hat, mich immer wieder an mir zweifeln und mich fremd fühlen ließ unter Menschen. Und ich war so froh, als ich davon hörte und plötzlich eine Erklärung für mein Anderssein hatte. Ich verstand nicht nur mich und meine Vergangenheit besser, auch die Verhaltensweisen einiger meiner Familienangehörigen. Es scheint bei uns in der Familie zu liegen. Ein Freund hat mir von seiner HSP- Geschichte erzählt und da war ich ganz erstaunt, dass es dafür einen Namen gibt, eine Art Berechtigung. Und dass ich so sein "durfte" (und gar nicht anders konnte). danke2
Obwohl ich sofort intuitiv wusste, ich kann nur eine HSP sein, habe ich erst mal ein wenig gezweifelt (typisch) und mich dann schlau gemacht, viel im Netz gelesen und mich dabei in fast jedem Bereich wiedergefunden und nach dem Test mit 261 Punkten war es mir dann klar.

Kennt das auch jemand, dass hinter einem Menschen laufen und wenn sie lachen, denkt man, sie lachen über einen? Dass ihr jeden komischen Blick auf euch bezieht? Oder dass ihr euch schuldig fühlt für Dinge, an denen ihr gar nicht beteiligt ward, sondern nur gerade anwesend? Ich verstehe jetzt so einiges, was ich immer "komisch" fand an mir und auch meine Hitzeempfindlichkeit, meine Abneigung gegen das Autofahren, bierselige Feiern, Lautstärke, lang geplante Verabredungen, gegen Shoppingtouren, Reisen in Gebiete, in die "alle" fahren (nichts zieht mich nach Mallorca und Co.), überhaupt das ganze Mainstream-Ding, da falle ich völlig raus.

Was mir auch auffällt, dass ich Menschen visuell sofort erfasse und erkenne, auch von weitem, von hinten und in einem kurzen Moment, keiner in meiner Umgebung macht das. Vielleicht liegt es an der hohen Auffassungsgabe, wie ein Scanner, der alles um sich herum erfasst... Auch wenn ich auf einer großen Veranstaltung bin, z.B. im Fußballstadion, dann gucken alle um mich herum aufs Spielfeld, nur ich schaue dabei noch auf alles andere, was noch so im Stadion vor sich geht. Ich kann mich schwer nur auf das Spiel konzentrieren in so einer "extremen" Umgebung.

Seit meiner Jugendzeit habe ich mir scheinbar das Leben schwer gemacht, dachte, ich wäre weniger wert, als die Anderen, habe Konzentrationsprobleme in der Schule gehabt, wurde als Jugendliche sogar ein wenig seelisch krank, weil ich nicht mehr klar kam mit all den Anforderungen. Ich war immer sehr sensibel, sensibler als Andere, das habe ich früh gemerkt, aber ich dachte,ich durfte nicht so sein, habe mich klein gefühlt und verstand nicht, warum ich so anders dachte und fühlte. Eigentlich habe ich mich sowieso meistens unverstanden gefühlt.
Ich habe mich immer wieder zurückgezogen und war viel allein, weil ich zuviele und häufige Kontakte nicht ausgehalten habe, vor allem natürlich bei den Menschen, die mir zu oberflächlich waren. Auch beziehungstechnisch wurde es mir schnell zuviel, mir fehlte die Rückzugsmöglichkeit. Meine selbstgewählte "Einsamkeit" war notwendig, aber auch oft deprimierend, weil ich ja eigentlich so nicht sein wollte, aber nicht anders konnte. Eigentlich wünschte ich mir immer einen großen Freundeskreis, eine Clique, der ich zugehörig war, aber ich konnte nicht aus meiner Haut. Das Pflegen von Freundschaften fiel mir schwer. Es gab auch andere Zeiten, aber ich fühlte mich schon sehr oft fehl am Platz unter den Menschen, wie ein Außerirdischer. Meine guten und wenigen wahren Freundschaften habe ich allerdings so gut gehalten, wie ich konnte. Kinder zu haben (ich habe 3) war auch eine große Herausforderung und Veränderung für mich, da ich mich von da an nicht mehr zurückziehen konnte, sondern die ständige Anwesenheit von Anderen in mein Leben integrieren musste. Es war nicht leicht, aber es war wichtig für mich und hat mein Leben zum Positiven verändert. luxlove
Beruflich lief es nicht so, wie ich es erhofft hatte, einerseits verursacht durch die eigenen Zweifel, andererseits durch die Wahl des falschen Berufes (und die mangelnden Aufstiegschancen aufgrund des Kindergroßziehens). Eigentlich wäre der kreative Bereich oder etwas im Beratungsbereich idealer gewesen.
Jetzt, mit dem Hinweis auf HSP, beginne ich langsam, mein Leben zu verstehen und mein So-Sein zu akzeptieren und dass ich irgendwie gar nicht anders sein konnte. Es treibt mir Tränen in die Augen bei dem Gedanken um so viel verlorene Zeit, in denen ich so mit mir kämpfte und nicht wusste, warum ich so bin, wie ich bin.
Ich hoffe, mein jetziges Bewusstsein hilft mir ein wenig, die Zukunft wertvoller zu gestalten. Mir ging es eigentlich noch nie so gut wie jetzt und ich bin froh, dass ich so bin und ich möchte mit niemanden tauschen. _thum_

Schön, dass es so ein Forum gibt.
Gruß
Michaela _Mij_
Taurus
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Re: Ich reih mich mal ein...

Beitragvon Rhiannon » So 2. Nov 2014, 13:16

Hallo Michaela,

du schreibst: "Jetzt, mit dem Hinweis auf HSP, beginne ich langsam, mein Leben zu verstehen und mein So-Sein zu akzeptieren und dass ich irgendwie gar nicht anders sein konnte. Es treibt mir Tränen in die Augen bei dem Gedanken um so viel verlorene Zeit, in denen ich so mit mir kämpfte und nicht wusste, warum ich so bin, wie ich bin."

_zwr_ So geht es mir auch. sm_06
Grüßle
Rhiannon
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Re: Ich reih mich mal ein...

Beitragvon Ellana » So 2. Nov 2014, 17:11

Herzlich willkommen im Forum hier! iwikx

Wenn Du von der verlorenen Zeit sprichst, glaubst Du denn, dass Du sie jetzt, allein aufgrund der Erkenntnis und des besseren Verstehens anders hättest nutzen können? Du schreibst ja, dass Du sie gar nicht anders hast nutzen, nicht anders hättest sein können.
Ich frag deshalb, weil ich die Zweifel, das "Zuviel", gerne mehr wollen, aber auch Ruhe brauchen, sowie das Kämpfen kenne.
Was willst Du jetzt anders machen?

Liebe Grüße, Ellana.
Ellana
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Re: Ich reih mich mal ein...

Beitragvon Taurus » So 2. Nov 2014, 22:45

Hallo Rhiannon und Ellana,
danke für Eure Antworten und die Begrüssung.

Ellana,
ich kann das natürlich nicht sagen, wie es gekommen wäre und wie ich früher mit so einer Erkenntnis umgegangen wäre. Vielleicht anders als heute, weil ich mich eh wohler und sicherer mit mir fühle, je älter ich werde. Ich sehe jetzt, was diese Erkenntnis mit mir macht und komme endlich mal ein wenig ins Reine mit mir, und das hätte ich gerne eher gehabt. So habe ich viel Zeit damit verbracht, mich zu verstehen, mit mir zurecht zu kommen, das hat viel Energie gekostet und die hätte ich gerne besser genutzt. Diese eigene Akzeptanz für das Andersempfinden hat mir gefehlt. Das kann ich jetzt, und zwar schlagartig. Enorm!

Das mit der Ruhe wäre natürlich nicht anders, die brauche ich wohl immer, aber ich könnte mich wohl leichter abgrenzen und Anderen klar deutlich machen, was ich brauche. Ich habe ja selber nicht verstanden, warum ich diese oder jene Verabredung nicht möchte oder nicht schon wieder, warum ich lieber alleine unterwegs bin etc. Es ist ja nicht immer die Reizüberflutung, sondern auch Selbstschutz, um nicht verletzt zu werden.

Was ich anders machen will? Ich denke, ich werde klar dazu stehen, was ich will und wie ich bin. Das konnte ich vorher nicht, weil ich das nicht richtig wusste. Das ist so, als wäre ich mein Leben lang mit verschwommenen Blick durch die Welt gegangen und plötzlich könne ich klar gucken. Ein richtiges Wow-Erlebnis! :-)

Lieben Gruß
Michaela
Taurus
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