Sozialer Rückzug, aber ok?

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Sozialer Rückzug, aber ok?

Beitragvon Hazel » Do 13. Feb 2020, 06:28

Hallo,

ich war die letzten 10 Jahre immer wahnsinnig im Stress. Da mich die Arbeit durch meine intensive Wahrnehmung schon so anstrengt war jede Verabredung, jeder Sozialkontakt ein zusätzlicher Belastungsfaktor. Ich dachte aber das müsse eben so sein, man hat eben viele Bekannte und Freunde und ein Taufkind und eine große Familie und und und.

In den letzten 2-3 Jahren habe ich begonnen mehr Rücksicht auf meine Bedürfnisse zu nehmen. Ich habe oft Termine abgesagt, weil ich mich einfach nicht wohl fühlte (dann aber schlechtes Gewissen gehabt) und irgendwann begonnen, Verabredungen sehr rauszuschieben, so nach dem Motto: ui, Du , tut mir leid, die nächsten 6 Wochen sind bei mir stressig, erst dann kann ich wieder usw.... )/898u

Dadurch , und auch weil ich manche Knoflikte angegangen bin, haben sich einige Freundschaften und Bekanntschaften irgendwie aufgelöst oder sehr gelockert. Nun ist es so, dass ich wirklich regelmäßig nur noch eine einzige Freundin treffe. Mein Taufkind sehe ich nur noch alle 2-3 Monate, dann machen wir dafür was besonders schönes, Kindertheater oder so. Ich habe oft wochenlang nichts vor unter der Woche und dann nur ein Date mit meinem Mann am Wochenende. Meine Arbeit habe ich auf 30 Stunden reduziert. Es geht mir sehr sehr sehr sehr gut. Ich lebe so vor mich hin, kümmere mich um meine Pflanzen und Tiere, mein Haus und meinen Mann, spiele Computer und lese.

Ich bin 39 Jahre alt und manche, mein Vater zum Beispiel sagt imnmer ich lebe das Leben einer Pensionistin und manchmal frage ich mich auch: mache ich das eh richtig? versäume ich nichts? sollte ich nicht mehr tun, mehr erleben? Aber ich würde es, denke ich , als Stress empfinden und nicht als etwas, dass mir Spass macht.

Wie geht es Euch damit, was denkt ihr darüber?
Ich freue mich auf Eure Antworten :)

Danke und Liebe Grüße
Hazel
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Re: Sozialer Rückzug, aber ok?

Beitragvon jonnie » Do 13. Feb 2020, 17:18

Hallo Hazel,

endlich mal ein Thema in dem ich mich auskenne. :-)
Ich habe seit einigen Jahren, ausser den Pflichtbesuchen, keinerlei Aussenkontakte mehr. Ob das gut oder schlecht ist, weis nur der Wind.
Die meissten Psychologen, Therapeuten usw würden dir sagen das du dringend deine Bekanntschaften/Freundschaften pflegen solltest.
Für mich wäre die Frage, ob du denn deine fehlenden Sozialkontakte vermisst?
Du schreibst das es dir sehr sehr sehr sehr gut geht. Das freut mich für dich und sofern du diese 4x sehr ernst meinst, erübrigt sich die Frage wieder.
Was sagt dein Mann? Kommt er damit zurecht? Das würde ich persönlich wichtig finden. smop

Sei gegrüßt
jonnie
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Re: Sozialer Rückzug, aber ok?

Beitragvon Träumerle » Do 13. Feb 2020, 21:31

Hallo Hazel,

sm_06 hier im Forum - das musste gesagt sein, bevor ich deine Frage beantworte.

Wer sagt denn, dass man ein großes soziales Umfeld haben muss? Jeder Mensch sollte die Chance haben, sich nicht nur die Art der Mitmenschen, sondern auch die Menge der Mitmenschen auszusuchen, wie es für einen am angenehmsten ist. Von dutzenden flüchtigen Bekannten würde ich überhaupt nicht profitieren können, es käme einerseits eine Überforderung hinzu, andererseits ein Leiden unter dieser ganzen Oberflächlichkeit. Richtig enge, feste und gute Freunde, die einem wirklich etwas bedeuten, kann man eh nur ganz wenige haben. Der Rest ist "Bonus", eine Alternative für solche, die sie noch benötigen, aber für keinen ein Zwang sein sollte.
Ich selbst stehe momentan (wenn man nach den gesellschaftlichen Stereotypen geht) vermutlich in einem noch energiegeladeneren Alter als du (17) und dennoch haben Abenteuer, Aufregung oder viele nennenswerte Erfahrungen keinen Platz bei mir und ich lasse es gemütlich angehen, auf eigenen Wunsch. Würde ich mich so nach außen richten und das Leben "von anderen Seiten" kennenlernen, ginge es mir irgendwann sicher sehr schlecht damit, denn es widerspricht meiner Natur. Das wäre bei dir bestimmt auch so - also gehe doch einfach deinen Weg, wenn er sich richtig anfühlt. Der Mensch ist ein Individuum, ganz unabhängig vom Alter. :-)

Es gab in meinem Leben einen Zeitraum, in dem ich auf ganzer Linie isoliert war: Keine Freundschaften und generell niemand, dem ich mich gegenüber richtig öffnen konnte. Und ehrlich gesagt hat mir diese Zeit nicht geschadet, ich empfand sie an vielen Stellen als angenehm und kann mich nicht daran erinnern, dass mir etwas fehlte. Eher habe ich es genossen, anstatt mich über meine Lage zu beschweren oder etwas daran zu ändern. Ich denke, ich habe mir das sogar freiwillig ausgesucht. Heutzutage gebe ich für die Allgemeinheit sicher auch noch in vielerlei Hinsicht einen abgekapselten und verschlossenen Typen ab, doch ich hatte mit den Menschen inzwischen deutlich mehr Glück und möchte dieses Glück um keinen Preis wieder rückgängig machen! Denn auch ich kann, wenn ich dabei auch extrem wählerisch sein mag, enge, soziale Bindungen eingehen und ein enormes Gefühl der Notwendigkeit dieser Bindungen entwickeln, also menschenfeindlich kann man mich nicht nennen. _läch_

Für mich hört sich dein Leben, so wie du es beschreibst, sehr erstrebenswert an. Du hast deine - absolut legitimen - Prioritäten eben woanders und lebst somit sicher viel entschleunigter und stressfreier. Es liegt ja leider in unserer deutschen Mentalität, unbedingt einen harten, gut bezahlten Job zu erhaschen und überhaupt wird der Arbeit so viel Lebenszeit geschuldet. Lebenszeit, die man eigentlich genießen sollte, denn man weiß nie, wann es vorbei sein kann. Es kann eben auch sehr wohl anders gehen - mal guten Gewissens nichts um die Ohren zu haben ist eine sehr wertvolle Eigenschaft, bzw. Fähigkeit, die viel zu wenig Menschen besitzen. Hetze, volle Terminkalender und der Fokus auf der Arbeit - Begriffe, die mich auch erstmal abschrecken. Nur weil man nicht 24/7 etwas Produktives leistet ist man nicht gleich faul - man ist klug und vernünftig. :-)

Wenn du also merkst, dass deine Lebensweise sich richtig für dich anfühlt, würde ich nichts daran ändern. Es geht ja darum, was du willst, nicht, was die anderen wollen. icon_winkle Es gibt ja auch viele Dinge, die der Durchschnittsmensch unbedingt erleben muss, der Einzelne sich aber nie im Traum damit anfreunden könnte. (Positive) Überraschungen und unerwartete Dinge, sowie das kleine Glück im Leben sind meiner Meinung nach die wahren "Spektakel", die man sich nicht entgehen lassen sollte!

Liebe Grüße,
Träumerle :-)
Ich weiß, ich bin ein HSP,
da ich die Welt ganz anders seh'.
Ich tue dies auf meine Weise,
nämlich ruhig und auch sehr leise.

Für mich ist's eine große Gabe,
wenn ich's auch nicht immer leicht habe.
Drum nehmt euch's nicht zu Herzen,
Ewig sind nicht mal die schlimmsten Schmerzen.

~Träumerle :-)
_____________
(Ich bin männlich...)
Träumerle
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Re: Sozialer Rückzug, aber ok?

Beitragvon NaidRaida » Sa 15. Feb 2020, 04:08

Hazel hat geschrieben:[...] Ich bin 39 Jahre alt und manche, mein Vater zum Beispiel sagt imnmer ich lebe das Leben einer Pensionistin [...]

Hallo Hazel!

Sehe es positiv: Es sind nicht die 39-jährigen Rentner, die den Planeten zerstören. Das sind die Leute, die den Hals nicht vollkriegen und zehnmal im Jahr in Urlaub fahren.
Nein nein, ganz im Ernst: Wenns danach geht, bin ich (36) schon lange Rentner. Ich bin aber gerne Rentner. Was soll daran verkehrt sein? Ein zurückhaltender Lebensstil gefällt
der Natur sehr gut. Und du bist glücklich dabei? Wunderbar! Lass dir nichts von (echten) Rentnern einreden, die eventuell ihre eigenen Versäumnisse auf die Kinder abwälzen um
die Illusion irgendeines abstrakten Erfolges zu gewährleisten (was Eltern häufig tun, ohne es zu merken). Tu genau das, was dir gefällt! Hab hier so einen chinesischen Taschenkalender,
da steht drin: Du willst etwas Gutes tun? Dann tu etwas Gutes für Dich selbst. So fängt es an. Genau so isses. Heißt ja nicht, ein Einsiedler zu werden, aber das bist du ja auch nicht.
Gelegentlicher Kontakt reicht dir, dann ist es gut so. Reicht mir auch völlig. Völlig! Man muss erstmal glücklich mit sich selber leben um glücklich mit anderen zu leben. Du tust meiner
Ansicht nach genau das, was manch anderem auch guttun würde: Abschalten! Viele können das nicht und werden dabei krank ohne es zu merken. Geh deinen Weg so wie es dir beliebt.
In dem Punkt bin ich mittlerweile absolut rücksichtslos geworden: ich tue genau das, was mir gefällt. Wem das missfällt, dem weise ich die Tür. Am liebsten tu ich aber nichts, obwohl
man eigentlich nicht nichts tun kann. Jedenfalls ein friedlicher Lebensstil, man kann viel lesen und hat seine Ruhe. Ich find das super. Ruhe ist doch wahrer Luxus, oder nicht?
Also alles was du schreibst ist voll normal - aus meiner Sicht. Jiddu Krishnamurti, ein sehr verwirrt erscheinender Mann, sagte: Es zeugt nicht von geistiger Gesundheit, an eine kranke
Welt gut angepasst zu sein.
Das hab ich mir gemerkt, und in dem Punkt hat er pauschal Recht, unabhängig davon was nun konkret als krank einzustufen ist. Einen gewissen
"Wachstumswahn" möchte ich meinen, den gibt es schon, ohne zu dramatisieren. Ein wenig zurückrudern scheint oftmals sinnvoll (siehe Greta Thunberg, die natürlich Recht hat, aber
traurigerweise als Gallionsfigur herhalten muss, vermutlich braucht die Gesellschaft als Ganzes jedoch Gallionsfiguren um voran zu kommen).

Ich weiß nicht wie ich jetzt ausgerechnet auf so etwas komme aber das Hirn hats produziert und ich wills nicht stumm verschubladen. Wahrscheinlich wirkt es doch etwas abgedroschen
und allzu abstrakt aber ich dachte ich übertrage deine Situation ins militärische. Wir alle schlagen eine Schlacht, irgendeine... in diesem Fall eine Schlacht ums Glücklichsein im sozialen
Kontext. Nun kannst du angreifen, oder den Rückzug antreten. Aber nicht selten hat der - gewollte! - Rückzug die Schlacht entschieden. Zugunsten des Rückziehers wohlgemerkt. Warum?
Die Truppen konnten sich neu sammeln, die Kräfte konnten neu sortiert und koordiniert werden und das führte zum Sieg. Ich lasse einen etwaigen Gegner mal außen vor, denn eigentlich gibt
es ja nun keinen. Der Gegner bist du selber. Wenn dein Rückzug also ein gutes Gefühl fördert, würde ich sagen, dies ist der richtige Weg diese Schlacht zu gewinnen (dein Gefühl würde ich
sagen ist der General auf dem Feld, der Taktgeber). Nichts hält dich davon ab irgendwann wieder einen Angriff zu starten wenn du das Gefühl hast, der Zeitpunkt wäre gut. Wie gesagt, das
ist eine Abstraktion ins militärische könnt man sagen, aber der Kern der Sache wird nicht verändert, ich hoffe das kommt so rüber. Außerdem ist es vier Uhr morgens, na halb fünf, und ich hatte
ein Glas Sekt. Ok, zwei Gläser und einen Rotwein.

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Re: Sozialer Rückzug, aber ok?

Beitragvon Paperheart » Mo 17. Feb 2020, 19:12

Hallo Hazel, _Mij_


Bei dem Thema kann ich gut mitreden. :D
Du musst nicht dutzende soziale Kontakte haben nur weil die anderen das sagen. Wichtig ist nur eins: Das du glücklich bist. Ich kann gut verstehen, dass du das ganze ein bisschen zurückgeschraubt hast. Soziale Interaktionen kosten immer Kraft. Und wenn du das ist nicht möchtest ist das absolut in Ordnung. Jeder sollte das tun was einen glücklich macht. Manche Leute brauchen immer viele Leute um sich, und das ist okay. Manche Leute sind lieber alleine, und das ist auch völlig okay. Jeder Mensch ist ein bisschen anders und das ist auch gut so. Also mach dir keine Sorgen. So lange du dich wohlfühlst ist alles in Ordnung. Ganz gleich was die anderen um dich herum sagen. Es ist dein Leben. Du weißt was gut für dich ist. :)

Lg Paperheart _Mij_
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Re: Sozialer Rückzug, aber ok?

Beitragvon Hazel » Do 20. Feb 2020, 05:41

Liebe Alle,

Danke für die tollen Antworten, ich finde es immer sehr interessant zu lesen wie andere das so machen, handhaben :)
Alles Liebe
Hazel
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Re: Sozialer Rückzug, aber ok?

Beitragvon Orphée » Do 20. Feb 2020, 10:56

Hallo Hazel und willkommen! :-)

Es dauert eine ganze Weile, aber irgendwann kann man die eigenen Bedürfnisse von der Erwartungshaltung des Umfelds trennen. Dieses "Trennen" ist aber sehr wichtig, um bei sich selbst anzukommen und zu wissen, welche Lebensweise richtig ist. Sobald du gegen etwas in dir selbst ankämpfen musst, um es gut zu finden, ist es vermutlich schon nicht für dich und deine Bedürfnisse bestimmt. Man verbiegt sich, um es anderen Recht zu machen und umso mehr man das tut, umso mehr erkrankt letztlich auch die Seele daran. Finde du machst das sehr gut und hast den richtigen Weg eingeschlagen. Hab weiterhin ein offenes Ohr für deine innere Stimme und folge ihr, denn sie weiß in der Regel am besten, was gut für dich ist. icon_winkle


Liebe Grüße
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