Seite 1 von 1

Wunde der "Vaterlosigkeit" - Wer leidet auch darunter?

BeitragVerfasst: Di 14. Okt 2014, 10:59
von fränzchen
Hallo Ihr Lieben!

Gibt es unter Euch vielleicht auch Menschen insbesondere Frauen _hj7_ , die Vom Vater früh verlassen worden sind und darunter indirekt (bei mir vorallem in Beziehung zum anderen Geschlecht) darunter leiden?

Hat jetzt ja nicht unbedingt mit dem Phänomen HS zu tun, denke aber, dass es sich bei uns doch noch viel intensiver auswirkt?

Naja, also mein Vater "fehlt" seit ich ca 2 war und ich vermisse Ihn daher nicht direkt, kenne es ja nicht anders als ohne Vater, aber in meinen Partnerschaften stolpere ich immer wieder über das Problem in vielerlei Hinsicht.

Um es mal konkret zu machen: Ich suche in meinen "Männern" immer auch den Vater. Ich brauche viel Sicherheit, Geborgenheit, Nähe, auch wenn ich mal nicht "das liebe, brave Kind" bin. Um diese riesige Sehnsucht zu erfüllen, um diese Wunde heilen zu lassen, suche ich mir fataler Weise immer auch Männer, die mich mit genau diesem Problem konfrontieren: Sie lehnen mich ab, wenn ich nicht so bin, wie sie es sich wünschen und verlassen mich letztendlich.

Ich erkenne bei mir ein Muster. Da ist dieses innere Kind, das endlich einmal erlöst werden möchte, das hören, spüren möchte: "Ja, du bist OK so wie Du bist, auch wenn du kompliziert bist, unentschlossen, unsicher, überfordert, genervt, etc, etc... . Du wirst geliebt". Manchmal scheint es mir ich provoziere solche Situationen sogar. Also ich falle aus der Harmonie um diese Bestätigung zu bekommen. Nur bekomme ich sie eben nicht. Tja, vom Kopf her weiß ich schon seit langem (bin schließlich schon 41, setze mich schon seit ich denken kann mit mir auseinander und hatte auch schon einige Beziehungen, Therapien etc.), dass es wohl meine ureigene Aufgabe ist, zu Selbstakzeptanz und Selbstliebe zu gelangen. Ich finde ich bin da auch schon schön weit gekommen in vielen Bereichen. Mein Leben als HSP hab ich mir schon recht gut eingerichtet (ohne zu wissen, dass ich HS bin), nur eben in Liebesbeziehungen ist diese Sehnsucht übermäßig. Ich lande immer wieder im gleichen "Fettnäpfchen".

Dazu kommt, dass ich mit Überreizung als HS in emotional stressigen Situationen, besonders wenn äußerer Stress wie Zeitdruck etc. dazukommt, leicht überreagiere. Ich "platze" dann und reagiere unangemessen. Oft merke ich erst in der Situation und durch meine heftige Reaktion, dass etwas total in Schieflage war. Wenn ich dann auf Ablehnung und Unverständnis stoße (was ja naturgemäß fast immer der Fall ist, denn wie soll sich mein Gegenüber auskennen und angemessen reagieren, wenn ich das selber noch nicht kann), dann wird alles noch viel schlimmer. Wie finde ich in solchen Situationen den "Notausknopf" ? Wie schafft Ihr das, eine Besinnungspause zu erwirken. Ich fühle mich da so hilflos, es geht alles so schnell, so als ob ich mich selber überrolle. Ich gerate dann in ein Fahrwasser, was mich tiefer in für beide Seiten schmerzlichen Streit strudelt. Dabei hasse ich solchen Streit!

Tief durchatmen, die Situation verlassen, alles schon versucht. Manchmal klappts, aber leider noch nicht immer. Obwohl ich sogar Yogalehrerin bin. Manchmal denke ich sogar, das macht es noch schlimmer, weil ich denke, ich müsste schon viel weiter sein. Ich zweifle dann so stark an mir, verurteile mich selbst usw.

Ich freue mich auf Antworten von Euch. Es tut oft gut, einfach zu wissen, dass man nicht alleine dasteht mit seinen Unzulänglichkeiten... _klp_ Und Eure Tipps sind erfahrungsgemäß sehr wertvoll _köss_

Re: Wunde der "Vaterlosigkeit" - Wer leidet auch darunter?

BeitragVerfasst: Do 16. Okt 2014, 18:31
von Jasmin
Hallo Fränzchen,

ich möchte Dir gerne antworten, weil es bislang Niemand gemacht hat, aber ich hatte einen Vater.
Ich denke, dass viele so ein Problem haben, ob sie einen Vater hatten oder nicht. Seit meiner Scheidung 1986! habe ich nie wieder mit einem Mann zusammen gelebt(hatte aber Beziehungen, die letzte ging 2006 in die Brüche), weil ich mir auch immer "die Falschen" ausgesucht habe. Ich kann sehr gut alleine leben,nzw. habe es gelernt, trotzdem habe ich auch immer wieder mal das Bedürfnis nach einem Mann, der mir Deine genannten Eigenschaften gibt.

Aus Therapien weißt du ja, dass wir in der Kindheit ein Raster aufbauen, wie der Zukünftige sein soll. Andere fallen durch das Raster, obwohl sie wahrscheinlich für uns die besseren Partner wären. Es ist halt schwer, als HSP´ler noch schwerer, den passenden Partner zu finden.

Zu Deinem beschriebenen Absatz "Streit" kann ich nicht viel sagen. Nur, dass man, wenn man älter wird, ruhiger wird...aber das hilft Dir im Moment natürlich auch nicht weiter. Aber vielleicht hat da der eine oder andere noch einen Rat. U72(

Liebe Grüße

Jasmin

Re: Wunde der "Vaterlosigkeit" - Wer leidet auch darunter?

BeitragVerfasst: Fr 17. Okt 2014, 10:27
von fränzchen
Liebe Jasmin,
danke, dass Du Dich meiner hier angenommen hast _köss_ !
Es stimmt, ich hatte mich schon gefragt, warum denn niemand antwortet, so im Sinne von "Kein Schwein ruft mich an, Keiner interessiert sich für mich..." floet
Ist natürlich Quatsch, meine ureigendsten Probleme müssen ja nicht auf allgemeines Interesse stoßen.
Danke Dir jedenfalls!

Und auch Dir viel Glück und offene innere Augen "für Deinen nächsten liebevollen Mann"! _Mij_

Re: Wunde der "Vaterlosigkeit" - Wer leidet auch darunter?

BeitragVerfasst: Fr 17. Okt 2014, 15:07
von gyn
Ich hab lange überlegt, ob ich hier was schreiben soll. Jetzt ist der Impuls da.
Ich möchte mal noch einen anderen Aspekt ins Spiel bringen, ich weiß nicht, ob dir das was hilft.
Ich bin zwar mit Vater aufgewachsen, der aber ein solch liebloser und egozentrischer Tyrann war, ein Choleriker, der immer wieder ausgeflippt ist, darauf hätte ich liebend gerne verzichtet. Wie oft habe ich mir gewünscht, daß er einfach aus meinem Leben verschwindet. Mir wäre es ohne Vater sehr wahrscheinlich besser ergangen. Aber es ist nunmal so, wie es ist. Wer weiß, wozu es gut war. Vielleicht habe ich mir genau dieses Leben ausgesucht, um zu lernen. Wer weiß?

Re: Wunde der "Vaterlosigkeit" - Wer leidet auch darunter?

BeitragVerfasst: Fr 17. Okt 2014, 19:32
von Waldtänzerin
Hey fränzchen,

gelesen hatte ich dich, aber in der Tat konnte ich nicht viel zum Thema beitragen. Direkt vaterlos bin ich nicht aufgewachsen, auch wenn ich mir als Kind oft andere Väter betrachtete und dachte, ich hätte lieber diesen oder jenen, nur nicht meinen. Ich habe mir manchmal gewünscht, dass sich meine Eltern lieber trennen sollten. Aber das ist irgendwie auch ein anderes Thema. Mittlerweile hat sich da auch meine Sicht geändert.

Von daher - Desinteresse weniger ... _Mij_

Re: Wunde der "Vaterlosigkeit" - Wer leidet auch darunter?

BeitragVerfasst: Fr 17. Okt 2014, 21:59
von samadhi
Hallo fränzchen,

ich habe gerade deinen Beitrag gelesen und mich dabei in ganze vielem wiederfinden können, bzw. wie ich noch vor ein paar Jahren gefühlt und nach welchem Raster auch ich gelebt habe.
Also ich bin zwar nicht direkt vaterlos aufgewachsen, im Gegenteil. Doch die rein körperliche Anwesenheit eines Vaters heißt ja leider nicht, dass er auch emotional präsent ist für die kindlichen Bedürfnisse, die ich hatte.
Das konnte er, aufgrund seiner eigenen Geschichte nicht für mich sein, was für mich eine Erklärung, nicht jedoch eine Entschuldigung ist. Er war nicht nur nicht präsent, in der Form wie ich es gebraucht hätte, sondern hat auch viele seelische Wunden aufgrund seines Verhaltens in mir hinterlassen.

So führte dies mitunter auch bei mir zu einer riesigen Lücke. So habe ich das immer empfunden. Eine Lücke, die ich als Jugendliche und schließlich junge Frau immer und immer wieder versuchte vergeblich zu füllen. "Irgendwer muss mir doch das geben können, wonach ich mich so sehr sehne." Mit diesem Wunsch lief ich durch die Welt und geriet an unterschiedlichste Männer.
Ich kenne das Phänomen zu gut, dann ausgerechnet an diese Männer zu "geraten" (ich würde es eher als eine Art Anziehung bezeichnen) die mich einerseits an meinen Vater erinnerten in bestimmten charakterlichen Eigenschaften (was sich meist erst nach einiger Zeit heraus kristallisierte und auch erst als ich mit Hilfe einer Therapie darüber reflektieren konnte für mich überhaupt sichtbar wurde).
Und ich trug den Wunsch mit mir, dass einer dieser Männer eines Tages endlich diese Lücke schließen und mir das geben kann, was mein Vater mir nie geben konnte.

Doch das geht nicht. Niemals wird das gelingen. Das habe ich zum einem mit der Zeit immer mehr gespürt, zum Anderen aber auch verstanden. Denn, und ich glaube, das ist der Schlüssel:

Kein anderer Mensch kann dir das geben, was deine Eltern dir in deiner Kindheit - aus welchen Gründen auch immer - nicht geben konnten. Die Liebe eines Vaters oder einer Mutter wirst du niemals dort draußen in der Welt wieder finden.
Diese Erkenntnis war für mich so niederschmetternd, dass ich das lange nicht wahrhaben wollte.
Weil ich dachte, dann ewig mit diesem riesigen Loch in meiner Seele weiterleben zu müssen.

Aber an einer Stelle hast du schon etwas ganz Wesentliches geschrieben: Selbstliebe. Und das "innere Kind".
So schwer es ist und so lange es dauert bis man es umsetzen kann, aber der Weg, der zumindest mir Heilung gebracht hat, war: Nicht mehr im Außen danach zu suchen, dass mir jemand gibt, wonach mein inneres Kind sich sehnt. Sondern in meinem eigenen Inneren. Nämlich: In Kontakt gehen zu dem inneren Kind, eine Beziehung zu diesem verlassenen Kind aufbauen und ihm liebevoll zur Seite stehen.
Ich bin da auch noch auf dem Weg und noch lange nicht am Ende.

Aber ich spüre die Wirkung, die diese Erkenntnisse mit sich gebracht haben. Früher kam ich überhaupt nicht mit Einsamkeit zurecht. Ich war lieber bei einem Mann, der mir nicht gut tat, der mir (ebenso wie mein Vater damals) nichts geben konnte - anstatt allein in meiner Wohnung zu sein, das konnte ich lange überhaupt nicht ertragen. Doch nach und nach - es war sehr intensive Arbeit - schaffte ich es mich von destruktiven Beziehungen zu lösen. Einsamkeit auszuhalten. Auch das hat mich dem inneren Kind näher gebracht, noch einmal diese alten Gefühle zu spüren von damals.

Und mich dann strikt "geweigert" - sofern ich bewusst Einfluss darauf hatte - von anderen Menschn zu erwarten, mich glücklich zu machen, mich immer so anzunehmen wie ich bin, etc... Und vielmehr daran gearbeitet gut für mich SELBST zu sorgen, mich selbst glücklich zu machen, mich selbst anzunehmen wie ich bin... und all diese Dinge.

Du schreibst, dass du schon sehr weit gekommen bist auf deinem Weg, den Eindruck hatte ich beim Lesen deines Beitrages auch, weil du dir ja über diese Muster, die immer wieder ablaufen bewusst ist und diese Erkenntnis ist schon einmal goldwert.
Du schreibst auch, dass du manchmal überreagierst bei Stress, heftig reagierst und "platzt". Klar zum Einen ist es wahrscheinlich der Umgang mit der HS, das einem von dem einen auf den anderen Moment alles zu viel sein kann - das kenne ich auch! Zum Anderen kam mir der Gedanke, dass dein "inneres Kind" da eventuell auch unbewusst immer wieder dein Gegenüber "testen" will : "Hast du mich wirklich auch dann noch lieb, wenn ich sooo unangemessen, ungehalten (wie ein Kind) reagiere - liebst du mich wirklich bedingungslos?"

Denn das - so zumindest aus meiner Erfahrung - sucht das innere Kind: Bedingungslose Liebe.
Und der Schlüssel ist, dass DU die Einzige bist, die diesem Kind genau das geben kann.
Nicht von heute auf morgen, aber dennoch ist das der Weg, der bei mir Früchte getragen hat und der auch dazu führt, dass die Lücke sich nach und nach schließt. Und ich nun nicht mehr meine kindlichen Sehnsüchte in Liebesbeziehungen zu stillen versuche.
Einen "Notausknopf" kenne ich für diese Situationen leider auch nicht! Aber je mehr du dir bewusst wirst, was gerade mit dir passiert, warum du überreagierst, was die Gründe dafür sind und je mehr du wiederum im Kontakt bist mit der Kleinen in dir, desto besser gelingt es dann mit der Zeit in Extremsituationen einer Eskalation entgegenzuwirken... Nicht immer, aber immer öfter :)

So viel erstmal dazu von mir. Vielleicht kannst du aus meinen Worten das ein oder andere mitnehmen, vielleicht ist es auch einfach schön zu sehen, man ist nicht allein mit diesen Gefühlen.
Ich wünsche dir alles Liebe und kann dich nur ermutigen, dich mit dem Kind in dir noch mehr auseinander zu setzen und damit zu "arbeiten", mir hat das sehr sehr viel gebracht und nicht nur bei dieser Thematik sondern ganz allgemein im Leben.

Re: Wunde der "Vaterlosigkeit" - Wer leidet auch darunter?

BeitragVerfasst: Mo 20. Okt 2014, 14:46
von Puschel
Ich bin auch weitgehend ohne Vater aufgewachsen, da er gestorben ist, als ich 13 Jahre alt war. Vor seinem Tod war er nicht sehr präsent, weil er viel gearbeitet hat. Ich habe vor allem noch seine cholerischen Anfälle in Erinnerung, bei denen buchstäblich die Wände wackelten und die ohne konkreten Anlass kamen.
Da mein Vater für alle unerwartet gestorben ist, habe ich bis heute Verlustängste, wenn es um engere Beziehungen zu Männern geht. Damit sind Beziehungen gemeint, die über Freundschaft hinausgehen. Mein Verhältnis zu Männern wird allmählich besser und entspannter, aber so locker wie bei anderen ist es nicht. Und das wird es auch nie werden. Hängt wohl auch damit zusammen, dass meine Eltern mich deswegen bekommen haben, weil die Familie es so erwartet hat. Bedingungslose Liebe habe ich bei meinen Eltern nicht kennengelernt.

Zu sagen, ich würde darunter leiden, dass ich früh meinen Vater verloren habe, wäre zu viel gesagt. Es fehlt etwas, was genau, kann ich aber nicht sagen. _nüxweiss_